Zug des Lebens

Handlung

Schlomo erzählt uns die Geschichte seines jüdischen Heimatdorfes, das im Osten Europas liegt, eine wahre Geschichte wie er sagt, sie spielt 1946. Aus dem Nachbardorf erfährt Schlomo, der Dorfnarr, dass die Nationalsozialisten einmarschiert sind, immer näher kommen und er überbringt die schlimme Nachricht dem Dorfältesten. Der Rat der Weisen tritt zusammen; was tun, um das Dorf, ihre Frauen und Kinder zu retten? Sich selbst deportieren lautet die Antwort. Von da an paukt das jüdische Dorf hochdeutsch, schneidert SS-Uniformen und übt das Exerzieren. Es wird zusammengelegt und Wagon für Wagon eines ausgedienten Zuges ersteigert, zum Schluss sogar die Lokomotive. Und so machen sie sich auf nach Palästina, dem heiligen Land, als verkleidete Nazis, als verkleidete Gefangene mit einem Lokführer, der noch ins Handbuch gucken muss.


Und während der Zug samt Reisender der russischen Grenze immer näher kommt, entgeht die kleine Dorfgemeinde häufig nur knapp den Faschisten, den Anschlägen von Kommunisten und der Uneinigkeit in der eigenen Gemeinschaft. Doch ihr Ziel, das gelobte Land, rückt immer näher, schon sind sie an der russischen Grenze, haben es geschafft, als sich Schlomos Geschichte doch als nur fast wahr herausstellt.

Meinung

„Zug des Lebens“ startet mit einer enormen inhaltlichen und musikalischen Geschwindigkeit: Schlomo rennt, rennt durch den Wald, rennt in sein Dorf, getrieben von der Musik, bei der wir uns nicht entscheiden können, ob sie heiter antreibend oder bedrohlich jagend ist. Doch schon starten die ersten Dialoge in diesem äußerst wortreichen Film und wir fühlen uns sofort in einer Komödie mit einer leichten, heiteren Atmosphäre, unterstützt durch das Jiddisch, die „Parodie der deutschen Sprache“, das „Deutsch mit Humor“. Und werden vor den Kopf gestoßen, denn was Schlomo erzählt, ist das Gegenteil von heiter, inhaltlich weit weg von einer Komödie: Die Deutschen kommen, die Nazis, und sind dabei, alle jüdischen Dörfer auszulöschen.

Der Plot des Films entwickelt sich schnell, die Idee der eigenen Deportation entsteht in den ersten zehn Minuten. Die leichte Inszenierung beißt sich geschickt mit dem grausamen Hintergrund, Lachen und Weinen liegen nah beieinander, wenn die jüdischen Dorfbewohner sich in die Wagons des Zuges drängeln, weil jeder der Erste sein möchte. Oder wenn in den Wagons der Streit zwischen den Weltanschauungen ausbricht, weil sich eine kleine, jüdische Kommunistengemeinde gebildet hat. Wir fühlen uns fast in einem unkonventionellen Roadmovie.

Stets unterstreicht die Musik gekonnt die Gefühlslagen und das Stampfen der alten Lok ist Synonym für schweres Atmen, für etwas, das uns auf die Seele drückt. Der Regisseur Radu Mihaileanu und das Drehbuch verstehen etwas von Ironie, manchmal wirkt sie allerdings etwas konstruiert.


Durch die insgesamt heitere Stimmung, das quasi Happy-End beim Erreichen der russischen Grenze, fühlen wir uns am Ende des Films hart vor den Kopf gestoßen, fast schon betrogen, wenn die Kamera von Schlomos Gesicht zurück fährt, das Bild sich öffnet und wir ihn in Häftlingskleidung hinter Stacheldraht sehen. Es ist eben nur eine „fast wahre Geschichte“.


Ungewöhnlich heiter erzählter Ernst.


Zur nächsten Filmkritik:


Schlomo: Lionel Abelanski
Mordechai: Rufus
Rabbi: Clément Harari

Yossi: Michel Muller
Esther: Agathe de La Fontaine

Regie: Radu Mihaileanu | Frankreich, 1998

Länge: 103 min | FSK: ab 6 | Buch: Radu Mihaileanu | Kamera: Yorgos Arvanitis | Ton: Pierre Excoffier | Szenenbild: Zolé Szabo | Schnitt: Monique Rysselinck | Musik: Goran Bregovic | Produktion: Noé Productions, Raphaél Films, Hungry Eye Lowland Pictures


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