Zarte Parasiten
Handlung
Jakob und Manu arbeiten fast ununterbrochen. Äußerlich wirken sie wie Streuner, doch in der Disco tanzen, Anderen zuhören, sich um Andere kümmern ist für sie Arbeit. Seinen Lebensunterhalt verdient das junge Paar mit emotionalen Dienstleistungen. Systematisch suchen sie nach Menschen, die einsam sind, sich nach Aufmerksamkeit sehnen oder einen Verlust erlitten haben. Dann wird ein Handel vereinbart, manchmal direkt, manchmal ohne Worte. Manu oder Jakob spenden Zuneigung oder ersetzen eine Bezugsperson. Gegen Geld, Unterkunft und etwas zu Essen. Zur Zeit versorgt Manu die todkranke Frau Katz. Jakob nähert sich dem wohlhabenden Ehepaar Martin und Claudia, die den Tod ihres Sohnes nicht verwunden haben. Dessen Rolle soll nun Jakob spielen.
Ein Spiel, in dem für Manu kein Platz ist. Als sie spürt, wie Jakob sich ihr entfremdet, ergreift Manu Gegenmaßnahmen. Die Situation wird für alle zu einem psychischen Einschnitt, schmerzvoller, als sie es sich eingestehen wollen.
Meinung
Der Titel ist trügerisch. „Zarte Parasiten“ sind nicht nur Manu und Jakob, sondern alle Charaktere von Oliver Schwabes und Christian Beckers ambivalentem Drama. Zwischen Sozialstudie und Psychogramm erkundet das Regie- und Autoren-Duo in seinem 2009 auf dem Filmfestival in Venedig aufgeführten Werk einen gern verdrängten oder verklärten Aspekt des sozialen Miteinander. Manu und Jakob leben von emotionaler Prostitution, die physische Leistungen nur als Nebenprodukt einschließt. Nicht trotzdem, sondern gerade deshalb sind die seelischen Folgen für sie genauso, wenn nicht noch verheerender. Ihre intimsten Gefühle müssen sie preisgeben. Die Liebe zueinander, wenn sie auf Wunsch von Frau Katz vor deren Augen miteinander schlafen, ihre Hobbys, wenn Manu vor der alten Dame tanzen muss oder Jakob mit Martin ein Segelflugzeug baut. Eine Marktlücke, wie es im Pressetext heißt, haben sie damit keineswegs erschlossen. Vielmehr basieren neben zahlreichen Bereichen der Sozialgemeinschaft verschiedene Industrien auf dem, was das Drama Parasitismus nennt. War Gesellschafterin einst ein ehrbarer Beruf, befriedigen heute neben Animateuren und Escort-Agenturen auch Psychoanalytiker und Therapeuten hauptsächlich das Verlangen nach Aufmerksamkeit und Zuwendung. Ob die Hauptfiguren ihr Dasein ausgesucht haben oder hinein gerutscht sind, woher sie kommen und was sie verbindet, lässt „Zarte Parasiten“ im Vagen. Das habe nichts mit dem zu tun, was sie wollten, wirft Manu Jakob vor, als dessen Verhältnis zu seiner Gastfamilie ihre Beziehung überschattet. „Was wollten wir denn?“, fragt Jakob und bezeichnet damit eine Leerstelle innerhalb der Handlung.
Die beiden zentralen Charaktere bleiben Unbekannte, die sich wie vor dem Kinopublikum wie vor ihren Kunden psychisch entblößen, ohne viel über sich preiszugeben. Wie ihr Klientel scheinen sie dabei in den Geschäften etwas Emotionales zu suchen, zwischenmenschliche Wärme, die überall verloren oder erkaltet scheint. Die Motive des parasitären Pärchens bleiben letztendlich unklar. Ihr materieller Profit ist minimal, meist beschränkt auf eine Übernachtung im Warmen, Nahrung oder eine Autofahrt. Manu und Jakob sind das Gegenteil zweier schicker Escorts. Sie sind schon älter, campen im Wald und tragen ranzige Kleidung. Öffentliche Duschen sind für sie Luxus. „Penner seid ihr.“, sagt ein aggressiver Ex-Kunde. Der deutsche Begriff für Parasit, Schmarotzer, bezeichnete ursprünglich einen Bettler. Der Dialogbezug eröffnet ein neues, von der Handlung umgangenes Bedeutungsspektrum: Das einer mitleidlosen Gemeinschaft, in welcher ein Bedürftiger Synonym für einen Schädling ist. Zwei Parasiten mit einem Rest Skrupel, wie Manu und Jakob, sind vielleicht zu sanft, zu leicht auszunutzen in einer Welt, die Ausbeutung nach dem Wolfsprinzip perfektioniert hat: Homo homini lupus. „Zarte Parasiten“ sind dem gegenüber nur Insekten, die zerdrückt werden, sobald ihr Teil der Symbiose erfüllt ist.
Die Zärtlichkeit der Wölfe.
Jakob: Robert Stadlober
Manu: Maja Schöne
Martin: Sylvester Groth
Claudia: Corinna Kirchhoff
Frau Katz: Gerda Böken
Regie: Christian Becker | Deutschland, 2009
Länge: 87 min | Buch: Christian Becker, Oliver Schwabe | Kamera: Oliver Schwabe | Szenenbild: Katja Schlömer | Musik: Aurelio Valle | Schnitt: Florian Miosge | Produktion: Juliane Thevissen

