Young Victoria
Handlung
„Sie ist eine Liberale.“, heißt es von der jungen Victoria. Entgegen der Pläne ihrer Mutter und deren intriganten Verbündeten Sir John Concroy verteidigt Victoria ihren Thron. Eine aus Staatsräson initiierte Romanze mit dem deutschen Prinzen Albert wird für die jungen Adeligen überraschend zur großen Liebe. Auf dem Parkett der Macht bewegt sich Victoria noch unsicher. Politische Verbündete wie Lord Melbourne und Gegner wollen die junge Königin zu ihrer Spielfigur machen. Doch das Spiel der Mächtigen durchschaut Victoria schneller, als ihre Feinde erwarten.
Meinung
„Sie dir ihr bescheidenes Köpfchen an. Wir alle fragen uns, was darin vorgeht.“ Der französische Regisseur Jean-Marc Vallée kann die Frage in „Young Victoria“ nicht beantworten. Prachtvoll und schleppend wie die Oscar-gekrönten Kostüme mutet sein Historiendrama an. Viktorianisch im Stil, nicht im Bezug auf die zentrale Persönlichkeit. Ob der redegewandte Lord Melbourne Intrigant oder enttäuschter Idealist ist, bleibt nicht nur der Titelfigur verborgen. Als romantischer Konkurrent zu Prinz Albert, als der er aufgebaut werden soll, ist er zu blass. Versucht das Historiendrama die bekannten Ereignisse spannend zu erzählen, neigt es zu Karikaturen wie der Figur Sir John Conroys. Düster gekleidet, noch düsterer blickend und von einzelnen Fliegen umschwirrt, zeichnet der Kostümfilm ihn als mephistophelischen Intriganten. Ob Victorias Puritanismus eine unbewusste Reaktion auf die von ihr von Kindheit an erlebte Verführbarkeit und Verschwendung ihrer Mutter war, bleibt unklar. Die emotionale Kluft, welche die „Young Victoria“ des Films von der korpulenten streng blickenden Regentin, die nach dem Tod ihres Mannes Albert schwarz trug, trennt, vermag Vallées Drama nicht zu überwinden. Die im historischen Kollektivgedächtnis verblasste Gestalt der „Young Victoria“ zu inszenieren, widerspricht filmischen Konventionen nicht, sondern folgt ihnen. Ob Schriftstellerin Iris Murdock, Coco Chanel oder Jane Austen – Filmbiografien über weibliche Protagonisten konzentrieren sich auf die Zeit, als die Heldin schön, unschuldig und verliebt war. Auch, wenn deren bedeutende Erlebnisse erst später folgten oder sie den Großteil ihres Lebens mehr einer dicklichen Matrone denn einer jungen Grazie gleichen.
Die Königin betont die Notwendigkeit sozialer Reformen gegenüber Lord Melbourne, als er auf einer Spazierfahrt argumentiert, er habe gesehen, was geschieht, wenn der Pöbel rebelliert. Auch Victoria wird es noch sehen, auf einer späteren fast identischen Fahrt durch einen öffentlichen Park. Anstelle Melbournes wird Victoria von Albert begleitet. Die Verwundung ihres Mannes inszeniert Vallée als bittere Lehre des Schicksals. Gegen die Belehrungen der fast symbolisch arrangierten Vertreter konservativer politischer und familiärer Instanzen – elterliche, erfahrenere, männliche – sträubt sich die junge Victoria. So muss das Unglück ihr eine Lektion erteilen. Als direkte Folge des Anschlags erkennt sie ihren Mann als ebenbürtigen Berater an. Sein Schreibtisch wird neben den ihren gerückt. Ein drolliger Euphemismus, der die politische Schattenrolle Alberts und den latenten filmischen Konservativismus kaschieren soll. Ihrem Selbstbewusstsein verdankt Victoria ihre Regentschaft. Was fast als Widerspenstigkeit erscheint, ist tatsächlich das Selbstbewusstsein, welches die junge Frau auszeichnet. Das zu Beginn positive Charakteristika wandelt sich in ein negatives. Die Königin lernt sich männlicher und politischer Autorität zu fügen.
Warum das Volk demonstriert, bleibt vage. Als die Folge schlechter Ratschläge zeigt das Historiendrama den Aufruhr nach nur dreijähriger Herrschaft Viktorias. Dass die intelligente junge Frau sich leichtfertig manipulieren ließ, passt nicht zu Ferguesons „Young Victoria“. Sie äußert sich sozial engagiert, doch ihre Regierungszeit charakterisieren Kolonialismus und Unterdrückung der Frauenrechte. Einen gesellschaftlichen Aufstieg erlebte vor allem die obere Bürgerschicht. Gescheiterte Ambitionen rekapitulieren, könnte nur eine alte Victoria. Dass ihre Jugend selten unbeschwert war, deutet sich nur an. Wie vor einem Käfig schließt sich das Gittertor zum herrschaftlichen Anwesen. Mit einem Gefängnis vergleicht es Viktoria, deren Machtverteidigung auch durch ihren Freiheitsdrang motiviert scheint. Weder wird die Widersprüchlichkeit dieses Unabhängigkeitsstrebens zu der Negation der Frauenrechte der realen Königin aufgelöst, noch der ihrer Sexualfeindlichkeit gegenüber der lebens- und liebeslustigen „Young Victoria“. Mit den Worten einer anderen Queen: „We are not amused.“
Schicksalsjahre einer Königin.
Victoria: Emily Blunt
Duchess of Kent: Miranda Richardson
Sir John Conroy: Mark Strong
Prinz Albert: Rubert Friend
Lord Melbourne: Paul Bettaney
König William: Jim Broadbent
Regie: Jean-Marc Vallee | Großbritannien, USA, 2009
Länge: 105 min | FSK: ab 6 | Buch: Julian Fellows | Kamera: Hagen Bogdanski | Szenenbild: Patrice Vermette | Musik: Ilan Eshkeri | Schnitt: Jill Bilcock, Matt Garner | Produktion: Graham King, Martin Scorsese, Sarah Ferguson

