Women without Men
Handlung
Hört Munis die Stimmen Fremder, kommen sie aus dem Radio. Der streng religiöse Bruder der jungen Iranerin missbilligt das Interesse seiner Schwester für die politischen Unruhen, die den Iran Anfang der fünfziger Jahre erschüttern. Munis will er an einen Verehrer loswerden, bevor sie zu alt für den Hochzeitsmarkt ist. Die junge Faezeh hingegen sehnt sich nach einer Hochzeit – mit dem herrischen Bruder ihrer Freundin Munis, dessen Hochzeit mit einer anderen Frau bevorsteht. An Liebe glaubt Zarin nicht mehr. Menschliche Nähe ist der Prostituierten unerträglich geworden. In einem Landhaus, in welches die alternde Politikergattin Fakhri sich vor ihrer lieblosen Ehe zurückgezogen hat, begegnen die vier Frauen einander. Befreit von den gesellschaftlichen Fesseln finden sie in dem magisch anmutenden Garten zu sich selbst. Doch die Ruhe, welche sie genießen, ist die Ruhe vor dem Sturm.
Meinung
Zuerst ist es nur ein Baum, welcher durch eine Tür des Landhauses stürzt. Ein Vorbote der Realität, welche die Frauen unbarmherzig einholt. An die surrealen Bildwelten des magischen Realismus erinnern die Szenen innerhalb des Gartens, welcher zum Zufluchtsort für Shirin Neshats „Women without Men“ wird. In Bildern von entrückter Symbolkraft und in mattes Sepia getauchten Straßenszenen Teherans ersteht Shahrnush Parsipurs Romanvorlage „Women without Men“ zu einem bitter-poetischen Drama von bedrückender Aktualität. So unterschiedlich wie ihre Persönlichkeiten sind die Gefängnisse der Frauen. Gefängnisse aus Stein, der Konvention, der Körper, des Gefühls. Die in der Rolle einer Bordellbesitzerin auftretende Parsipur fügt dem um Selbstbehauptung ringenden Figurenensemble eine weitere Facette hinzu. Einzig die Flucht der durch ihre gehobene soziale Stellung geschützten Fakhri erscheint real. Die übrigen Protagonistinnen ziehen sich vor dem äußeren Zwang in eine innere Welt zurück. Für sie wird der Garten zum seelischen Exil. Paradoxerweise wird erst in jenem luftleeren Raum das Atmen möglich. Doch nur ein kurzes Aufatmen ist den Frauen vergönnt. Unerbittlich enthüllt Neshat das ländliche Idyll als brüchig. Aus dem erträumten Paradies, in welchem sich die Figuren wie Schlafwandlerinnen bewegen, reißt sie bitteres Erwachen.
Die emotionale Abschottung gewährt nur kurzfristig Zuflucht. Umso intensiver die Charaktere ihr nachgeben, umso höher der Preis, welchen sie dafür zahlen. Fakhri hat ihre Jugend einer lieblosen Ehe geopfert, Faezeh erkennt erst spät das häusliche Gefängnis, in welches sie eine Ehe sperren würde. Zarin schließlich, die von Orsi Toth mit verstörender Intensität verkörpert wird, hat sich zum Selbstschutz bis zur Gefühllosigkeit von ihrem Selbst distanziert. Auf den von ihr in der Prostitution erlebten physischen Kontrollverlust reagiert sie, indem sie ihren Körper auf grausame Weise zurückerobert.
„Zu der Zeit, als ich geboren wurde, war es fast zu einem Tabu geworden, über den Staatsstreich von 1953 zu sprechen.“, sagte Shirin Neshat in einem Interview über „Women without Men“. Ganz, scheint es, konnte sich die iranische Regisseurin von diesem Verbot nicht befreien. Die von den USA initiierte Machtübernahme des Schahs, nach der zaghafte demokratische Impulse in der iranischen Politik unterdrückt wurden, wird nur schattenhaft als Handlungsrahmen angedeutet. Die heute in der westlichen Welt kaum thematisierte politische Wandlung, welche der Iran erfuhr, ist nur ansatzweise nachvollziehbar. Dennoch ist Neshats sensibles Drama auf mehreren Ebenen ein Tabubruch. Neshat beschränkt sich nicht darauf, die Unterdrückung der Frau durch eine konservative Gesellschaft anzuprangern. Die Schicksale der Protagonistinnen stehen symbolisch für die Unterdrückung des Individuums. Ein dauerhaftes Glück kann nur durch eine Veränderung der Lebensumstände erreicht werden. Legen die „Women without Men“ den verhüllenden Taschador an, bezeichnet dies innerhalb der Filmhandlung das Verbergen ihrer Gefühle. Gleichzeitig hebt das dunkle Gewand sie wie ein lebendes Zeichen aus der Masse hervor; mahnend zum Kampf gegen die geistige und körperliche Unterdrückung.
Der geheime Garten innerer Freiheit.
Munis: Shabnam Tolouei
Faezeh: Pegah Ferydoni
Zarin: Orsi Toth
Fakhri: Arita Shahrzad
Regie: Shirin Neshat | Frankreich, Deutschland, 2009
Länge: 99 min | FSK: ab 16 | Buch: Shirin Neshat, Shoja Azari | Kamera: Martin Gschlacht | Musik: Ryuichi Sakamato | Schnitt: Christof Schertenleib | Produktion: Susanne Marian, Martin Gschlacht, Philippe Bober

