Willkommen im Tollhaus
Handlung
Mitschüler können grausam sein. Und wer einen Namen hat, den man leicht verhohnepiepeln kann, hat meist schon verloren. Genau so ergeht es der armen Dawn Wiener. Die Elfjährige ist im wahrsten Sinne des Wortes ein armes „Würstchen“: Sie entspricht nicht gerade dem Schönheitsideal, wird in der Schule von ihren Mitschülern und Lehrern missachtet und gequält, und zu Hause geht der Terror weiter. Denn hier stinkt sie ständig gegen ihre jüngere Schwester Missy an, eine kleine Ballerina im Tutu, die genau weiß, wie sie ihre Eltern um den Finger wickeln kann. Und auch ihr älterer Bruder Mark hat kein wirkliches Interesse an Dawn. Er ist vielmehr damit beschäftigt, einen guten Schulabschluss zu machen. Als dieser eine Garagenband gründet, verknallt sich Dawn in deren Sänger Steve, der jedoch nichts mit ihr anfangen kann. Einen Vertrauten findet Dawn später ausgerechnet in ihrem Mitschüler Brandon, der sie ständig fertig macht und damit droht, sie zu vergewaltigen.
Meinung
„Welcome to the Dollhouse“ singt der Sänger von Marks Garagenband schief und liefert damit den Titel für Todd Solondz´ zweiten Langfilm, der für den New Yorker den Durchbruch als unkonventioneller Filmemacher bedeutete. Die deutsche Fehlübersetzung „Willkommen im Tollhaus“ - wahrscheinlich wurde aus Marketing-Gründen aus dem Puppen- ein Irrenhaus – führt in die falsche Richtung. Man vermutet hinter dem deutschen Titel eine Komödie über eine „crazy“ Familie, die in bester Screwball-Comedy-Manier lauter „crazy“ Sachen anstellt. Doch genau dies zeigt der Film nicht. Was uns Solondz vor Augen führt, ist eben keineswegs das von der Gesellschaft isolierte Haus voller Verrückter, sondern der alltägliche weit in die soziale Empfindlichkeit reichende Wahnsinn, der zur Normalität wird und seine täglichen Opfer fordert. Das Ganze wird aus der Sicht eines elfjährigen Mädchens geschildert. Todd Solondz´ schonungsloser Blick in eine kleine, amerikanische Vorstadt offenbart die Tragik hinter den fein getrimmten Rosenhecken, die manchmal liebevoller umsorgt werden als die eigenen Kinder. Wie später Sam Mendes mit „American Beauty“ zeigt der Amerikaner wie seine Gesellschaft tickt. Fern ab von der heilen Welt, die in vielen US-Komödien über Schule und Kindsein herbeigeschworen wird, entwirft Solondz ein Gegenbild, das geprägt ist von Enttäuschungen, Angst, Gewalt und Gegengewalt.
Dem Regisseur gelingt dabei eine Entmystifizierung der Schulzeit. Wer noch immer Ballerspiele und Actionfilme für die Gewalt an Schulen verantwortlich macht, verschließt sich vor einer Tatsache, die in „Welcome to the Dollhouse“ zum Hauptthema wird: Schule kann Terror sein. Jedenfalls dann, wenn man nicht die richtigen Klamotten trägt, einen doofen Namen hat oder einfach nur anders ist als alle Anderen. Heather Matarazzo als hässliches Entlein Dawn, das nie zum Schwan berufen war, zieht den Zuschauer schon mit der ersten Szene, in der sie in der Schulmensa einen freien Platz sucht, in ihren Bann. Das Mädchen mit Brille, unpassendem Kleidungsstil und ständig leicht geöffnetem Mund weckt beim Betrachter eine Art Beschützerinstinkt. Man leidet mit Dawn mit und möchte eingreifen, wenn sie mal wieder zu unrecht von ihren Lehrern oder Eltern bestraft wird.
Ein Film über eine Kindheit voller Qualen. Kann das komisch sein? Das muss es sogar! Trotz – oder gerade wegen – der widerborstigen Themen, denen sich Solondz in „Welcome to the Dollhouse“ annimmt wie Schulmobbing, Vergewaltigung, Behinderung und Kindesentführung, lädt er die dargestellten Episoden aus Dawns qualvollem Leben mit einer ordentlichen Portion Komik auf, denn anders wären sie nicht zu ertragen. Präzise entwickelt er seine Gags in Wort und Bild. Die einzelnen Episoden enden meist mit einem Schlusseffekt, der erst zum Lachen dann zum Nachdenken anregt. Bemerkenswert ist hierbei auch der pointierte Einsatz von Musik. Die Disharmonie der Garagenband wirkt dabei symptomatisch für die verschrobene Gesellschaft.
Es gibt kein Happy End für Dawn. Als sie in einer Rede vor versammelter Schule von dem Alptraum, den ihre Familie gerade erlebt hat, berichtet, bekommt sie wieder die brutale Mobbingrealität zu spüren. „Wiener Dog“ skandieren die Schüler im Chor. Etwas zerbricht in diesem Moment in Dawn und man wird sich der Tragik der Figur bewusst. Zutiefst bestürzt wird dem Zuschauer klar, dass für das Mädchen nur dieser Weg vorgesehen ist – auch wenn man sich wünscht, dass sie irgendwann mal erfolgreich sein und geliebt wird. Der Gerechtigkeitsgedanke, dass sie zum Beispiel eines Tages vielleicht als Bankmanagerin einem ihrer früheren Malträtierern einen Kredit verweigert, wird in dieser Abschlussszene mit einem Schlag negiert. Doch wo führt Dawns Weg hin? Die traurige Antwort gibt Regisseur Solondz selbst. Sein als Sequel zu „Welcome to the Dollhouse“ konstruierter Film „Palindrome“ beginnt mit einer Beerdigung. Im Sarg liegt Dawn, die sich nach dem College das Leben genommen hat.
Ein schmerzhaftes Vergnügen.
Dawn: Heather Matarazzo
Dawns Mutter: Angela Pietropinto
Dawns Vater: Bill Buell
Mark: Matthew Faber
Steve: Eric Mabius
Brandon: Brendan Sexton
Regie: Todd Solondz | USA, 1995
Länge: 84 min | FSK: ab 12 | Buch: Todd Solondz | Kamera: Randy Drummond | Szenenbild: Susan Block | Schnitt: Alan Oxman | Produktion: Donna L. Bascom, Jason Kliot, Todd Solondz, Joana Vicente

