Wie in einem Spiegel


Handlung

Ein Urlaub am Meer: Der alternde Schriftsteller David hat seine Kinder Minus und Karin mit deren Mann Martin auf sein Landhaus eingeladen. Karin hat eine nicht näher bestimmte Krankheit hinter sich und ist seitdem nervlich gereizt und mit einem übersensiblen Gehör ausgestattet. Was ihr Mann und ihr Vater schon wissen, erfährt sie erst aus dem Tagebuch ihres Vaters, das sie heimlich liest: Ihre Krankheit ist unheilbar. Während die beiden Männer auf einem Schiffsausflug ihre alte Freundschaft sezieren, erzählt Karin ihrem 17-jährigen Bruder von ihren Visionen von Gott.


Karin erleidet einen Nervenzusammenbruch, in dem sie Gott zu sehen vermeint. Der Rettungshubschrauber wird gerufen, und als Karin abtransportiert wird, ist auch von den Freundschaften und der Familie nur noch eine Ruine übrig geblieben.

Meinung

"Wie in einem Spiegel" ist der erste Film von Bergmans sogenannter "Kammerspiel-Trilogie" – manchmal auch als die "religiöse Trilogie" bezeichnet –, in der noch "Licht im Winter" und "Das Schweigen", der wohl bekannteste der drei Filme, folgen sollten. Bergman konzentriert sich bei "Wie in einem Spiegel" viel stärker als in den meisten seiner früheren Filme auf Nahaufnahmen der Gesichter der Schauspieler und schränkt die klassischen Kategorien Ort, Zeit und Handlung stark ein: In "Wie in einem Spiegel" gibt es außer den vier Hauptrollen keine einzige Nebenrolle, nicht einmal Statisten. Die Handlung spielt komplett im und um das Ferienhaus am Meer und erstreckt sich auf etwa drei Tage. Alle aristotelischen Vorgaben an das antike Drama sind mustergültig eingehalten. Obwohl er die Form eines Kammerspiels nutzt, bleibt Bergman den "großen Themen" treu, für die er besonders seit dem "Siebten Siegel" berühmt ist. Karin ringt mit nichts weniger als mit Gott. Sie hat Visionen, kann sich aber niemandem öffnen außer ihrem kleinen Bruder, der aber selbst ganz andere Sorgen hat – in ihm erwacht die Pubertät und er kämpft damit, dass er sich von seinem Vater nicht ernstgenommen fühlt.

Ein inzestuöser Ton liegt über der Beziehung der Geschwister, die wie ein kindliches Liebespaar miteinander schmusen, genauso wie über Karins Beziehung zu ihrem Vater, auf dessen Schoß sie sich so gerne setzt. Bergman vermeidet es aber konsequent, die zärtlichen Beziehungen innerhalb der Familie zu problematisieren. Die Figuren leiden vielmehr alle an einer Beziehungslosigkeit zueinander. Sie suchen Halt bei den Anderen, finden ihn aber nicht. David hat den Tod seiner ersten Frau, der Mutter seiner Kinder, nicht verwunden und stürzt sich in seine Arbeit; Martin akzeptiert das Verhalten seiner Frau, was sie auch tut, und steht ihrer Krankheit doch völlig hilflos gegenüber und macht so alle Nähe zwischen ihnen unmöglich. Minus eifert seinem Vater nach, auch er schreibt (in einem Sommer mehrere Romane und eine Oper!), aber er weiß um sein fehlendes Talent und will eigentlich nur Nähe zu seinem Vater herstellen. Karin schließlich ist die zerbrechlichste aller Figuren und findet nur bei ihrem kleinen Bruder ein wenig Halt.

Die Darsteller sind bis auf den jungen Darsteller des Minus alles alte Bekannte im Bergman-Universum. Bergman lässt ihnen viel Raum und sie sind durchweg außerordentlich gut, wobei Harriet Andersson noch ein wenig heraussticht in ihrem jugendlichen Übermut, der immer wieder ihre Zerbrechlichkeit durchscheinen lässt, und am Ende in wilde Verzweiflung umschlägt. In ruhigen, langen Einstellungen in wunderschönem Schwarz-Weiß konzentriert Bergman sich mit seinem Stammkameramann Sven Nykvist auf die Gesichter seiner Schauspieler, die er mit melancholischen Totalen der Insel Farö abwechselt. Immer wieder steigt Bergman über die Tonebene in Karins Wahrnehmung ein. Als sie nachts auf den Dachboden klettert, vernimmt der Zuschauer zusammen mit ihr flüsternde Stimmen, die sie zu rufen scheinen. Entfernte Vogelschreie und Wellenrauschen erscheinen lauter als gewöhnlich. So gelingt es ihm trotz der großen Reduktion, eine außerordentliche Intensität zu erreichen.

Ein erschütterndes Kammerspiel.

von Logolt



Karin: Harriet Andersson
David: Gunnar Björnstrand

Martin: Max von Sydow
Minus: Lars Passgård

Regie: Ingmar Bergman | Schweden, 1961

Länge: 89 min | FSK: ab 12 | Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Sven Nykvist | Szenenbild: P.A. Lundgren | Schnitt: Ulla Ryghe | Musik: Erik Nordgren | Produktion: Allan Ekelund