Wendy und Lucy


Handlung

Wendy ist zusammen mit ihrem Hund Lucy und ziemlich wenig Geld in der Tasche auf dem Weg nach Alaska, um Arbeit zu suchen, als unterwegs ihr Auto schlappmacht. Bei dem Versuch, Hundefutter zu stehlen, wird sie erwischt, was dazu führt, dass sie einen Tag bei der Polizei verbringen muss, wonach ihr Hund verschwunden ist. Von nun an ist sie auf der Suche nach ihm.


Ihr Auto ist nicht mehr zu retten, dafür findet sie Lucy schließlich wieder - fröhlich umherspringend im Garten desjenigen, der sie vom Supermarkt mit nach Hause genommen hat. Ohne Auto und fast pleite entschließt sich Wendy, ohne ihren Hund weiterzureisen.

Meinung

"Wendy und Lucy" ist Kelly Reichardts vierter Langfilm, und nach "Old Joy" ihr zweiter, der hierzulande den Weg in die Kinos findet. Reichardt gehört mit Jeff Nichols ("Shotgun Stories"), Andrew Bujalski ("Beeswax") und Anderen zu einer Generation junger US-amerikanischer Independent-Filmemacher, die nach einer eigenen Ästhetik abseits des Mainstreams suchen. Viele dieser Filme zeichnen sich durch einen ausgeprägten Realismus, durch große Detailgenauigkeit und einen sehr reduzierten und häufig auch ziemlich undramatischen Plot aus. So auch bei Kelly Reichardt, die mit diesem Film einen neuen Höhepunkt an Klarheit und Präzision erreicht. Sie verzichtet fast komplett auf Hintergründe, Vorgeschichte und Nebenfiguren; die unaufwendige Kamera folgt Wendy durch den Tag, wie sie sich auf dem Tankstellenklo die Zähne putzt, auf ihrem Weg zur Autowerkstatt, die meistens geschlossen hat, zum Tierheim, bei den Begegnungen mit einem Parkwächter, und ganz langsam und dicht baut sich die Spannung immer weiter auf. Michelle Williams, bekannt vor allem durch ihre Rolle in "Brokeback Mountain", findet eine Art zu spielen, die ihre Figur hauptsächlich in den kleinen Gesten charakterisiert, etwa in der Art, wie sie es sich zum Schlafen in ihrem Auto bequem macht. So klein diese Gesten aber sind, sie sind doch häufig überraschend - sie scheint zum Beispiel vor einem neuen Gesichtsausdruck immer ein wenig länger zu zögern, als man es gewöhnt ist. So entfaltet sich ein wunderbares Spiel von Öffnung und Verweigerung gegenüber der Kamera. Diese Art zu spielen verträgt sich hervorragend mit der Art der Inszenierung: Konfliktsituationen - wie etwa das Verhör bei der Polizei - werden häufig völlig undramatisch aufgelöst und so zu einem retardierenden Moment für die Grundfrage, die über dem ganzen Film liegt: Wird Wendy ihren Hund wiederfinden oder nicht, und wieviel ist sie bereit, dafür zu opfern?

Wer jetzt denkt, eine plätschernde Milieustudie vor sich zu haben, liegt völlig falsch. Es ist erstaunlich, dass ein Film mit so wenig Handlung so spannend sein kann. In seiner Einfachheit entwickelt der Film eine große Wucht: Eine Frau droht das einzige Wesen zu verlieren, das ihr auf dieser Welt etwas bedeutet, nämlich ihren Hund. Dieses Motiv ist so stark, dass es den ganzen Film trägt und der Zuschauer keinen Moment abschweift.

Kelly Reichardt ist eine viel zu gute Regisseurin, um die filmischen Mittel nicht souverän zu beherrschen; die Kameraführung von Sam Levy ist zwar unaufwendig und unauffällig; durch die genaue Auswahl der Schauplätze erleben wir aber Wendys zunehmende Isolation direkt mit. Die Kleinstadt, in der Wendy strandet, scheint fast ausgestorben zu sein, man fragt sich irgendwann, wer denn da überhaupt wohnt, und für wen diese Menschen im Supermarkt, im Tierheim oder als Parkwächter eigentlich arbeiten. Reichardt arbeitet dabei mit vielen langen Einstellungen, bis sich irgendwann das Gefühl einstellt, die Zeit sei quasi in ein Loch gefallen. Ähnlich geht sie mit dem Ton um - der Film kommt ohne Musik aus, dafür spielen die Geräusche eine umso größere Rolle. Reichardt benutzt die Geräuschkulisse der Natur, eines Zuges, einer Autowerkstatt sehr geschickt, um die Gefühle ihrer Protagonistin zu unterstreichen oder zu kontrastieren.


So steuert der Film zwar langsam und mit vielen Umwegen, aber sehr stetig und bewusst auf den Moment zu, da Wendy ihr Auto los und fast kein Geld mehr in der Tasche hat, als sie Lucy schließlich wiederfindet. Diese Wiederbegegnung mit dem Hund, der fröhlich in einem Garten umherspringt, und Wendys Abschied von ihm, um alleine weiterzureisen - diese Szene ist so herzzerreißend, wie man es selten im Kino erlebt.


Ein Höhepunkt.

von Logolt



Wendy: Michelle Williams

Regie: Kelly Reichardt | USA, 2008

Länge: 80 min | FSK: ab 6 | Buch: Jonathan Raymond, Kelly Reichardt | Kamera: Sam Levy | Szenenbild: Ryan Smith | Schnitt: Kelly Reichardt | Produktion: Field Guide Films, Film Science, Glass Eye Pix