Vorsicht Sehnsucht


Handlung

Die Macht des Zufalls kann fatal sein. Nach einem Schuhkauf wird der gealterten Zahnärztin Maguerite die Handtasche gestohlen. Ihre vom Dieb weggeworfene leere Brieftasche findet der pensionierte Georges. Mit dem scheinbar glücklichen Fund beginnt Marguerites Unglück erst. Obwohl seit langem mit der jüngeren Suzanne verheiratet, steigert sich Georges in eine romantische Passion für die unbekannte Besitzerin seines Fundes. Georges Verliebtheit nimmt schnell pathologische Züge an, was Marguerites Freundin Josepha wiederum anziehend findet. Dass Marguerite Georges nicht nur auf ihrem Passfoto an eine berühmte französische Fliegerin erinnert, sondern tatsächlich eine war, verkompliziert die Verwicklungen zusätzlich. Die Fliegerei ist auch Georges heimliche Leidenschaft. Doch steuern seine Angebetete und er auf ihr Glück oder ihr Verderben zu?

Meinung

Ein wenig scheint in Alain Resnais in „Vorsicht Sehnsucht“ der Sadismus gelockt zu haben. Ein ums andere mal lässt er sein Publikum hoffen, die absurde Liebeskomödie sei zu Ende, schreibt das „Fin“ sogar im klassischen Stil auf die Leinwand, nur um seine dünne Handlung noch weiter zu strapazieren. Das Spiel mit der Täuschung treibt der Regie-Altmeister Resnais nicht zum kunstvollen Melodram, sondern in die Absurdität. In einer doppelten Bruchlandung mündet die Romanze, welche die Warnung bereits im Titel trägt: einer dramatischen und einer dramaturgischen. Was eine lustvolle Caprice sein soll, ist weder amüsant noch romantisch. Die auf Romangestalten des französischen Autors Christian Gailly basierenden Figuren können die routinierten Darsteller nicht vor der Lächerlichkeit retten. „Sein ganzes Leben wartete er darauf, endlich nicht mehr denken zu können, an nichts.“, verrät die Stimme des Erzählers über Georges. Doch Georges kann denken, an ziemlich drastische Dinge. Sieht er zwei attraktive Frauen vorbei schlendern, überfällt ihn die Vorstellung, „sie anzufassen, zu erwürgen, ihnen das zu verpassen, was sie verdient haben“. Nicht die einzige Eigenschaft, welche Georges als einen erotisch frustrierten Frauenhasser charakterisieren, der seinen Sexualneid in Gewaltfantasien auslebt. Wie unvermittelt diese aus dem äußerlich soliden älteren Herren heraus brechen können, beweist dessen Verhalten gegenüber Marguerite. Als sie Georges anruft, um sich beim Finder ihrer Brieftasche zu bedanken, wird er am Telefon ausfallend, da sie nicht auf seine verkappten Avancen reagiert. Von nun an terrorisiert er sie mit Telefonanrufen und Nachrichten. Als Marguerite die Belästigungen ignoriert, schlitzt Georges die Reifen ihres Wagens auf.

Spätestens hier erinnert die Handlung von „Vorsicht Sehnsucht“ mehr an einen Thriller als an eine romantische Komödie. Doch Resnais weicht nicht von seinem locker-komödiantischen Ton ab. Stattdessen inszeniert er Marguerite als einen Opfertypus, wie ihn sich pathologische Verfolger nun erträumen können. Sie findet Gefallen an Georges Belästigungen und enthüllt ihrerseits sadistische Neigungen, welche sie als Ärztin an ihren Patienten auslebt. Lustig ist das nicht, genauso wie das stumme Leiden von Georges ungeliebter Ehefrau Suzanne. Würde Resnais statt auf einer Liebeskomödie zu beharren eine Satire wagen, ließe sich das bizarre Verhalten seiner Charaktere als Parodie auf die Launen der Superreichen interpretieren. Stattdessen stellt sich die Frage, ob Wohlstand den Regisseur ebenso weit von der Lebensrealität entrückt hat wie die Figuren. Auf Schadensersatz kann Marguerite verzichten, der Diebstahl von Geld und Kreditkarten kümmert sie so wenig, dass sie zuerst die Anzeige vergisst. In der ersten Szene erwirbt sie Luxusschuhe, ein Privatflugzeug besitzt sie schon. Arme besäßen kein Telefon, glaubt Georges, der in einem luxuriösen Einfamilienhaus lebt. Doch, sogar „Arme“ haben heutzutage Telefone. Nach „Vorsicht Sehnsucht“ werden nicht nur sie beim Abheben des Hörers zögern. Es könnte ein Psychopath wie Georges dran sein. Vielleicht haben die Charaktere einfach zu viel von den „Herbes folles“, den verrückten Gräsern geraucht, welche der Originaltitel der Komödie erwähnt. Die Sehnsucht im deutschen Verleihtitel hingegen weckt die Komödie, anstelle sie zu inszenieren: Sehnsucht nach Dramatik, Sehnsucht nach Humor, Sehnsucht nach Sehnsucht.

Der romantischer Überflug endet im künstlerischen Absturz.

von Lida Bach



Georges Palet: André Dussollier
Marguerite Muir: Sabine Azéma
Suzanne: Anne Consigny

Josepha: Emanuelle Devos
Bernard: Matthieu Amalric

Regie: Alain Resnais | Frankreich, Italien, 2009

Länge: 104 min | FSK: ab 12 | Buch: Alex Reval, Laurent Herbiet | Kamera: Eric Gautier | Szenenbild: Jaques Saulnier | Musik: Mark Snow | Schnitt: Herve de Luze | Produktion: Jean-Louis Livi