Vincent will Meer


Handlung

Vincent will raus: Aus der psychiatrischen Klinik von Frau Dr. Rose, in welche sein Vater ihn abgeschoben hat, und raus aus seinem Körper, der den am Tourette-Syndrom leidenden Mann mit Ticks plagt. Mit seiner magersüchtigen Mitpatientin Marie und dem Zwangsneurotiker Alexander macht sich Vincent in Dr. Roses gestohlenem Auto auf nach Italien. In der Tasche hat er seine verstorbene Mutter in einer Blechdose: Nicht die Asche, sondern ein altes Foto, welches sie glücklich am Meer zeigt. An dem auf dem Foto gezeigten Ort, der italienischen Küste, erhoffen sich die drei Außenseiter Freiheit – doch ihre Krankheiten begleiten sie auf der Reise.

Meinung

Zwei Männer und eine junge Frau unterwegs in einem geklauten Wagen. Neu wirkt das Handlungskonzept der Tragikkomödie nicht. Also heißt es weiter in der Kiste abgenutzter filmischer Requisiten gewühlt: Auf der Flucht vor einer Institution, im Gepäck ein paar ungelöste Konflikte, einen als idyllisch erinnerten Ort als vages Ziel vor Augen. Sonderlich einfallsreich klingt die Geschichte immer noch nicht. Lässt sich die Handlung nicht interessanter machen, müssen die Figuren origineller werden, dachte sich Regisseur Ralf Huettner. Aber wie? Zuerst einmal muss suggeriert werden, die Geschichte besitze eine komplexe Sozialproblematik. Wenn man im Filmtitel einen lahmen Kalauer versteckt und alles in coole Kleinschrift setzt, wirkt das sicher hintersinnig: „meer“ statt „Meer“. Irre, oder? Für Drehbuchautor Florian David Fitz war es das Schlagwort. Was könnte origineller sein, als die Hauptcharaktere zu einer Gruppe von Anstaltspatienten zu machen? “Die da drinnen“ hinter dem Zaun, der das komische Gebäude umgibt, gaffen wir doch alle gerne an. Noch besser, man macht ein paar Handyaufnahmen, wie die drei Kinder im Film, von denen Vincent verspottet wird. Dass der Hauptcharakter einem der Jungen anschließend das Handy weg nimmt, inszeniert Regisseur Ralf Huettner als unkontrollierten Aggressionsausbruch. Kranke sind dazu da, angestarrt und belächelt zu werden, oder? Darum praktiziert „vincent will meer“ das 96 Minuten lang. Irgendwann ist allerdings Schluss mit lustig. Dann wird es Zeit, dass „die“ sich integrieren.

Die Charaktere in „vincent will meer“ tragen ihre Leiden wie praktische Accessoires: Um aufzufallen, Mitleid zu erregen oder Kontrolle auszuüben, kleinen Kindern in der Trotzphase nicht unähnlich. Doch mit fast dreißig ist es für Vincent und die Anderen höchste Zeit, erwachsen zu werden. Wer sich sperrt und weiter psychisch krank feiert, kriegt Hausarrest in der geschlossenen Abteilung. Gäbe es den Begriff Pubertätsmagersucht, wenn eine Essstörung keine Teenager-Laune wäre, suggeriert die Komödie. Sogar Frau Dr. Rose war, wie sich im Filmverlauf enthüllt, anorektisch und konnte auf die Seite der Therapeuten wechseln. Medizinische Studien, die Anorexie als chronisch klassifizieren, müssen irren. Wenn man nur will, verfliegen Tourette-Syndrom, Zwangserkrankung und Magersucht wie einer der lauen Tage, die das Trio gemeinsam verbringt. Damit die Sonne weiter scheint, muss Marie am Ende per Magensonde aufessen. Bei Regenwetter wäre auch Italien trist. So können Alexander und Vincent nach hübschen Südländerinnen Ausschau halten, während ihre Freundin auf der Intensivstation liegt. Dass er nicht auf Männer stehe, hat Alexander zu Beginn des Films versichert. Seine unterdrückte Eifersucht auf Vincent und Marie hat also garantiert nichts damit zu tun. So verrückt, dass einer schwul wäre, geht es in Frau Roses Klinik dann doch nicht zu.

Und Frau Dr. Rose selbst? Auch sie blüht auf im Beisammensein mit Vincents Vater. Damit niemand auf die Idee kommt, ihre Figur sei in der belanglosen Landpartie überflüssig, komplementiert Herr Galler sie aus der Handlung: „Sie machen das schon ganz gut.“ War ja immerhin ihr Auto, in welchem die jungen Leute auf Tour gingen. Noch nie etwas von objektbezogener Therapie gehört? Drehbuchautor Florian David Fitz nimmt keinen Anteil an seinen psychisch und neurologisch erkrankten Figuren, sondern führt sie vor. Dass er selbst die Hauptrolle in seiner klischeelastigen Komödie übernimmt, beeinflusst seine Voreingenommenheit nicht. Statt die Schwierigkeiten aufzuzeigen, welche die Betroffenen und ihre Mitmenschen im Umgang mit neurologischen und psychischen Erkrankungen bewältigen müssen, marginalisiert er sie. Von der abgeschmackten Komödie will sicher niemand „meer“.

Weniger ist „meer“.

von Lida Bach



Vincent: Florian David Fitz
Frau Dr. Rose: Katharina Müller-Elmau
Herr Galler: Heino Ferch

Marie: Karoline Herfurth
Alexander: Johannes Allmayer

Regie: Ralf Huettner | Deutschland, 2009

Länge: 96 min | FSK: ab 12 | Buch: Florian David Fitz | Kamera: Andreas Berger | Szenenbild: Heidi Lüdi | Musik: Stevie B-Zet, Ralf Hildenbeutel | Schnitt: Kai Schroeter | Produktion: Harald Kügler, Viola Jäger