Veronika beschließt zu sterben


Handlung

Ihr ginge es gut, versichert die wohlhabende New Yorker Geschäftsfrau Veronika. Insgeheim aber quält sie innere Leer. „Veronika beschließt zu sterben“, doch nach einer Überdosis Tabletten wacht sie in einer Elite-Nervenklinik wieder auf. Doch der Tod bleibt Veronika nah, anders als geplant. Von ihrem Therapeuten Dr. Blake erfährt Veronika, dass der Selbstmordversuch ihr Herz schwer geschädigt hat und sie nur wenige Wochen zu leben hat. Zuerst verweigert sich Veronika einer psychiatrischen Behandlung. Langsam aber findet sie in ihrer Mitpatientin Mari eine Freundin. Gerade als ihr Leben zu Ende scheint, entdeckt Veronika die Liebe zu dem verschlossenen Patienten Eduard. Die romantischen Gefühle lassen auch die Lebensfreude der jungen Frau wieder erwachen. Sie weiß, dass ihrer Liebe nicht viel Zeit bleibt – und fasst einen radikalen Entschluss.

Meinung

Die Zeit, die bleibt, kann schmerzvoll sein. Besonders, wenn es die bis zum ersehnten Ende einer melodramatischen Romanze wie „Veronika beschließt zu sterben“ ist. Kein noch so abgedroschenes Stereotyp lässt die Regisseurin in ihrer Verfilmung des gleichnamigen Romans des Bestseller-Autors Paulo Coelho aus. Ihre dramaturgische Stumpfheit lässt Young durch Dr. Blake von oberster Instanz des Figuren-Ensembles rechtfertigen: „Nur weil es ein Klischee ist, heißt das nicht, dass es nicht wahr ist.“ Vor lauter Wahrheitsliebe verflacht das Drehbuch die anspielungsreiche Romanhandlung Coehlos um die Konflikte zwischen der Anpassung an äußere Zwänge und Selbstbestimmung zu einer sentimentalen filmischen Selbstfindungsschnulze. Der sozialpolitische Hintergrund der Buchvorlage, die in Slowenien zur Zeit der Teilung Jugoslawiens spielt, eliminiert der Film gänzlich. Statt um Protagonisten der slawischen Unterschicht, die dem wirtschaftlichen Mangel in den schützenden und beengenden Käfig der Anstalt entfliehen, geht es um die amerikanische Oberschicht, die der Überfluss langweilt – im Falle Veronikas buchstäblich fast zu Tode. Die Konflikte der Charaktere werden jedoch verleugnet statt ergründet.

Die moralisierende Heuchelei der lebensbejahenden Botschaft ist so trotz der berechnenden Inszenierung leicht erkennbar. Das Klinik-Szenario dient der Regisseurin nur zur Suggestion von psychologischem Tiefgang. Der verwirrt nur, fast so schlimm wie psychiatrisches Fachvokabular: „Katatonie, Schizo - all diese Namen!“, klagt Claire. Nach den Dialogen zu urteilen, hält das Drama auch die Zuschauer für geistig daneben: „Fühlt es sich nicht besser an, sich besser zu fühlen?“ , fragt Dr. Blake seine Patientin und philosophiert: „Ihr habt die Wahl, euren Geist zu kontrollieren oder euch von eurem Geist kontrollieren zu lassen.“ Die Psychiatrie-Romanze leitet jedenfalls weder Geist noch Tiefsinn. Die Nervenklinik erinnert an das verzauberte Königreich, mit dem die verwirrte Claire sie vergleicht. Das opulent im Empire-Stil eingerichtete Anwesen gleicht einem Luxus-Hotel. In dessen wild-romantischer Parklandschaft voller Statuen und malerischer Ruinen erblüht Veronikas Liebe zu Eduard und dem Leben. Nachts erblickt sie den Schweigsamen, verführerisch vom Regen durchnässt, wie er schmachtend ihrem Klavierspiel lauscht. Zu leidenschaftlichen Akkorden erklingt rasch ekstatisches Stöhnen. So wird es unfreiwillig komisch, wenn es nicht zur Tragik reicht. Lachen ist die beste Medizin, bestätigt Dr. Blake: „Ein deutliches Zeichen der Besserung.“ Auf die Titelfigur mag es zutreffen, auf die Dramaturgie nicht.


Selbst der letzte Hauch Tragik wird von einem unplausiblen Happy End überstrahlt, zu dem Veronika unmissverständlich verkündet, dass jeder Tag ein Wunder sei und das Leben schön. Der Tod stand ihr besser.


Melodramatisches Lieben nach dem Tod.

von Lida Bach



Veronika: Sarah Michelle Gellar
Dr. Blake: David Thewlis
Eduard: Jonathan Tucker

Claire: Erika Christensen
Mari: Melissa Leo

Regie: Emily Young | USA, 2009

Länge: 103 min | FSK: ab 12 | Buch: Roberta Hanley, Larry Gross | Kamera: Seamus Tierney | Musik: Murray Gold | Schnitt: Una Ni Dhonghaile | Produktion: Jonathan Bross, Sririam Das, Chris Hanley