Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben


Handlung

Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Uncle Boonmee sieht ihn in Gestalt seiner verstorbenen ersten Frau Huay vor sich, die sich als sanfter Gast zu ihm an den Tisch setzt. In seiner Hütte am Rande des thailändischen Dschungels ist die Bindung der Menschen zu den Geisterwesen und Dämonen der Natur, die sie verehren und fürchten, noch ungebrochen. Ganz mit der Geisterwelt des Dschungels zu verschmelzen, wagen nur wenige, wie Boonmees verschollener Sohn, der als Affengestalt an dem gespenstischen Nachtmahl teilnimmt. Die Begegnungen lassen den sterbenden Boonmee über sein Leben, seine Krankheit und den bevorstehenden Tod nachdenken. Begleitet von seiner zweiten Frau Jen begibt er sich auf eine Reise durch den Dschungel, in dem Mythen und Traumbilder so lebendig wuchern wie das Grün.


Der spirituelle Weg führt den alten Mann in eine seltsam vertraute Höhle – dem Anfangspunkt seines Lebens. Der Kreis schließt sich für „Uncle Boonmee, der seine früheren Leben erinnern kann“.


Meinung

„Uncle Boonmee who can recall his past lives“ ist eine Herausforderung, insbesondere für westliche Kinozuschauer. Regisseur und Autor Apichatpong Weerasethakul vollzieht in seinem mystischen Experimentalfilm einen radikalen Bruch mit den filmischen Vorstellungen des Publikums. Dabei irritiert weniger die elegische Trägheit der Bilder, als die symbolisch überhöhte Handlung, die „Uncle Boonmee“ in die Nähe von eines gezielt installierten Konzeptfilms rückt. Jede Einstellung besitzt die konzentrierte Effektivität einer Planszene. Die künstlerische Konsequenz verleiht dem dritten Spielfilm des thailändischen Filmemachers und Künstlers faszinierende Vielschichtigkeit und psychologische Dichte, fesselt ihn jedoch gleichzeitig an seine missionarische Intention. Von den Vorteilen des modernen Lebens wendet sich der für sein intensives Werk in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Regisseur und Drehbuchautor ab. Selbst die moderne Medizin, welche Uncle Boonmees Leiden lindert, scheint nur dazu beizutragen, ihn dem natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen zu entrücken. Seine vergangenen Leben zurückrufen, kann er nur, wenn er sich auch von ihr löst. Spirituelle Heilung ist für die Menschen in Weerasethakuls mythischem Experimentalfilm bedeutender als physische. Doch das Konzept dieser Seelenheilung erschließt sich nie. Wie die von alten thailändischen Horrorfilmen inspirierten rotäugigen Affenwesen, als eines von denen Boonmees verlorener Sohn wiederkehrt, bleibt es ein Schatten im Dschungel, der auch eine Täuschung sein könnte. „Ich weiß, das Spiegelbild ist eine Illusion.“, sagt eine der Filmfiguren, die sich im Wasser eines Sees betrachtet hat: „Ist es eine Illusion?“

Der Glaube der Protagonisten entscheidet darüber, Glaube, der heilt oder schädigt, je nachdem, ob er der richtigen Sache gewidmet wird. Die rigide Eingrenzung jenes vermeintlich Richtigen steht im Kontrast zum visuellen Reichtum der meditativen Dschungelsequenzen. Uncle Boonmees Krankheit interpretiert Weerasethakul als Metapher für die Leiden der Zivilisation, welche Krieg, Gewalt und Kommerzialisierung gebracht haben. Uncle Boonmees durch das Sterben geweckte Visionen zukünftiger politischer Unterdrückung und den Schrecken militärischer Gewalt sind eindringlich, doch knapp: „The future was ruled by an authority able to make anyone disappear.“ Gegenüber der bedrohlichen Zivilisation erscheinen sie als das geringere Übel. Die geistige Naturver-bundenheit wird in der Großstadt zum vulgären Religionsspektakel pervertiert, in dessen Mitte statt eines Goldenen Kalbs grelle Leuchtfiguren blinken. „Der Himmel wird überschätzt. Dort gibt es nichts.“ Unfreiwillig erscheinen die Worte Huays als Kritik der überzogenen Bedeutsamkeit, die in Bedeutungslosigkeit umzuschlagen droht. Spirituelle Erkenntnis findet Boonmees Sohn wortwörtlich weit von der Zivilisation: „I wouldn´t have experienced this if I hadn´t mated with a monkey ghost.“ Doch hinter der bizarren Komik von „Uncle Boonmee who can recall his past lives“ liegt die gespenstische Eindringlichkeit, die den Zuschauer aus den roten Geisteraugen der Affenwesen ansieht: „Ist es eine Illusion?“

Seelenwanderung und Selbstfindung im Dschungel der Spiritualität.

von Lida Bach



Uncle Boonmee: Thanapat Saisaymar
Huay: Natthakarn Aphaiwonk

Jen: Jenjira Pongpas
Tong: Sakda Kaewbuadee

Regie: Apichatpong Weerasethakul | Thailand, Spanien, Deutschland, 2010

Länge: 114 min | FSK: ab 16 | Buch: Apichatpong Weerasethakul | Kamera: Sayombhu Mukdeeprom | Schnitt: Lee Chatametikool | Produktion: Simon Field, Keith Griffiths, Charles de Meaux