Tristana


Handlung

Nach dem Tod ihrer Mutter kommt die hübsche Tristana zu ihrem Onkel Don Lope, der ihr Vormund wird. Lope wohnt allein mit seiner Haushälterin, er hat sehr konservative Vorstellungen von der Ehre – er lehnt es ab, bei einem Duell zu sekundieren, bei dem es nur bis zum ersten Blutstropfen und nicht um Leben und Tod geht – doch seine Vorstellungen von Sexualität sind dafür umso freizügiger. Lope wird Tristanas "Vater und Mann", was bedeutet, dass er die gerade mal halb so alte, unschuldige Tristana nachts zu seiner Geliebten macht und sie ihm tagsüber die Pantoffeln anziehen darf. Das geht so lange für ihn gut, bis Tristana sich in den Maler Horacio verliebt und mit ihm durchbrennt.


Doch zwei Jahre später kehrt sie zurück: Sie wähnt sich todkrank und will im Haus von Lope sterben. Ihr Leben wird gerettet, aber nur für den Preis eines amputierten Beins. Verbittert wendet sie sich von Horacio ab und heiratet auf Anraten des Priesters den gealterten Lope. Als Lope nachts einen Erstickungsanfall hat, gibt sie nur vor, den Arzt zu rufen und lässt Lope sterben.

Meinung

Mit "Tristana" widmet sich Buñuel ein weiteres Mal seinem Lieblingsthema des Konflikts zwischen Sexualität und religiösen und konservativen Moralvorstellungen. Die unschuldige und außerordentlich hübsche Catherine Deneuve spielt "jene Blüte der perfekten Unschuld, die es heute kaum noch gibt", wie Don Lope sie zu Beginn des Films bezeichnet, eine Blüte, die im Laufe des Films verwelkt, oder vielleicht besser: Versteinert. Zu Beginn des Films erinnert die Deneuve-Figur stark an Buñuels "Viridiana" von 1961, dem Porträt einer Nonne, in dem Fernando Rey ebenfalls mitspielt.

Tristana ist ein Film, in dem zum Einen verschiedene soziale Realitäten aufeinandertreffen und zum Anderen Wertvorstellungen verschiedener Zeiten aufeinanderprallen. Don Lopes Haushälterin Saturna, die er mit gleichgültiger Herablassung behandelt, hat einen Sohn, den gehörlosen Saturno, der seine Ausbildung verliert und niemals aufsteigen wird. Der bourgeoise Lope lebt in einer Welt, die in Herren und Diener geteilt ist, und sein Leben ist ohne seinen Reichtum nicht möglich. Herren und Diener leben unter klar unterschiedlichen Voraussetzungen. Doch im Verlauf des Films ändern sich die Zeiten. Am Schluss lässt Tristana Lope, der inzwischen ihr Ehemann ist, nicht mehr an sich heran, dafür entblößt sie ihre Brust vor den Augen des gehörlosen Jungen in einer Romeo-und-Julia-Szene auf dem Balkon. Lope wird vom kräftigen Frauenheld zum impotenten Greis. Seine Freunde, die zu Beginn des Films im Zentrum der Gesellschaft standen, sind nun zu schwachen, alten Männern geworden.

Tristana selbst endet als verbitterte Invalidin. Am Anfang hat sie einen Alptraum: Sie steigt den Glockenturm der Kirche hinauf, und als sie die Glocke läutet, sieht sie plötzlich, dass Lopes abgerissener Kopf am Seil hängt. Dieses Bild wird sie nicht loslassen und ihr Leben verfolgen. Ihr Glück ist nur von kurzer Dauer und wird im Film sogar mit einem Zeitsprung ausgelassen. Ihr Zuhause ist bei dem Mann, dessen Taten sie nicht verlassen. Ihr Weg ist ein Leidensweg: Sie verliert ihre Unschuld, der einzige Weg der Auflehnung besteht darin, den verhassten Peiniger zu heiraten und mit Verachtung zu strafen.

Buñuel erzählt in seinem viertletzten Film die Geschichte geradlinig und präzise, aber nicht mit der großen Klarheit wie in etwa "Belle de jour". Überraschenderweise (für einen Buñuel-Film) wird auch viel Konflikt im Dialog verhandelt, wobei die stärksten Szenen des Films meist ohne Dialog auskommen, etwa die Sequenz des Alptraums, als sie sich mit zwei gehörlosen Jungen im Glockenturm befindet und die großen Glocken zu läuten beginnen; oder die oben erwähnte Balkonszene, als sie den Jungen erst fortjagt, sich dann das künstliche Bein abschnallt und zum Balkon geht, um majestätisch ihren Schlafrock zu öffnen.

Klassiker über einengende Moralvorstellungen aus Buñuels später Phase.

von Logolt



Tristana: Catherine Deneuve
Don Lope: Fernando Rey

Horacio: Franco Nero

Regie: Luis Buñuel | Frankreich, Italien, Spanien, 1970

Länge: 95 min | FSK: ab 12 | Buch: Julio Alejandro, Luis Buñuel | Kamera: José F. Aguayo | Szenenbild: Enrique Alarcón | Schnitt: Pedro del Rey | Produktion: Luis Buñuel, Robert Dorfmann