Trainspotting – Neue Helden
Handlung
„Choose Life!“ stand in großen schwarzen Lettern auf dem Sweatshirt, das George Michael im Video zu „Wake Me Up Before You Go Go“ trug. Der Mittzwanziger Renton kann mit dieser 80er-Jahre-Botschaft nichts anfangen. Er und seine Kumpels im schottischen Edinburgh sind die Typen, die stets verneinen. Sie sagen Nein zum Leben, weil sie Ja zum Heroin sagen. Und so verbringen sie ihre Tage zugedröhnt in verdunkelten Apartments, raffen sich hin und wieder zu halbherzigen Entzugsversuchen auf, philosophieren über Filme und sagen der bürgerlichen Welt ihrer Eltern den Kampf an. Die Zerbrechlichkeit ihres eigenen Daseins verdrängen sie, indem sie die Dosis erhöhen. So einfach ist das. Selbst als das Baby einer drogenabhängigen Freundin an Vernachlässigung stirbt, lautet die erste Reaktion: Jetzt brauch ich 'nen Schuss. Einzig Renton ist zunehmend unzufrieden mit seiner Situation. Er sehnt sich nach menschlicher Nähe, nach einer festen Beziehung. Seine Versuche, dem Drogensumpf zu entfliehen, scheitern jedoch zunächst an seinen „Freunden“, unter deren Einfluss er steht.
Erst nach dem Herointod des Saubermanns Tommy, der durch ihn mit Drogen in Berührung gekommen war, steht Rentons Entschluss fest: Er will clean werden. Die letzte Aktion, die er gemeinsam mit seinen Junkie-Freunden unternimmt, ist der Verkauf einer großen Menge Heroin an einen Londoner Dealer. In der darauffolgenden Nacht schleicht sich Renton aus dem gemeinsamen Schlafzimmer; den Anteil seiner Freunde am Gewinn des Drogenhandels nimmt er mit – insgesamt 16.000 Pfund. Es ist sein Startkapitel für ein neues, sauberes Leben.
Meinung
Nimm den besten Orgasmus, den du je hattest, multiplizier ihn mit Tausend und du bist noch nicht mal nah dran. So beschreibt der Junkie Renton die Wirkung einer Heroinspritze. Es sind Sprüche wie dieser, die Danny Boyle den Vorwurf einbrachten, einen drogenverherrlichenden Film gedreht zu haben. Kein Wunder, dass der enorme Erfolg von „Trainspotting“ einigen Leuten befremdlich erscheinen musste. Cool Britannia und ein Film über Junkies – wie passt das zusammen?
Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, muss man sich zunächst einmal von den Drogen lösen, denn „Trainspotting“ ist ein Film, der nicht in erster Linie über seine Handlung funktioniert, der eigentlich gar keiner Handlung bedarf. Viel einprägsamer sind seine Bilder, die mal erschreckend, mal skurril, hin und wieder poetisch, in den meisten Fällen aber zumindest originell erscheinen. Visuelle Referenzen an „Taxi Driver“, „A Clockwork Orange“ und das Schaffen der Beatles lassen das Herz des Popkulturkenners höher schlagen. Damit wäre der Grundstein eines Kultfilms schon mal gelegt. Hinzu kommen clever geschriebene Dialoge, die sich überraschend selten mit Drogen befassen, sondern hauptsächlich um James Bond, Billard und sexuellen Frust kreisen, während man nebenbei erfährt, was es heißt, ein Schotte zu sein. Ebenfalls eine große Rolle spielt – last but not least – der Soundtrack, den Boyle mit einem sicheren Gespür für den Zeitgeist und den Geist seines Films ausgewählt hat. Spätestens an diesem Punkt ist die Schnittmenge von Cool Britannia und „Trainspotting“ deutlich zu erkennen. Blur und Pulp, die neuen Helden des Britpops sind ebenso mit von der Partie wie zwei Vorreiter des Punks, Lou Reed und Iggy Pop, dessen programmatischer Song „Lust for Life“ den Film eröffnet. Lebenslust, das wird schon bald zur traurigen Gewissheit, ist für Renton und seine Freunde gleichbedeutend mit Selbstzerstörung.
Reichen also ein paar mehr oder weniger sympathische Charaktere, gewitzte Dialoge und ein unwiderstehlicher Soundtrack aus, um einem Zuschauer die Sehnsucht nach einer Heroinspritze ins Herz zu pflanzen? Mitnichten, denn trotz seiner humoristischen Momente beschönigt der Film nicht das unbeschreibliche Elend, das mit einer Drogenabhängigkeit einhergeht: Ein Baby stirbt an Vernachlässigung, menschliche Beziehungen zerbrechen oder kommen gar nicht erst zustande und auf Freundschaften ist im Zweifelsfall auch kein Verlass. Und überhaupt, was sind das eigentlich für Menschen, die Renton als seine Freunde bezeichnet? Der Horror des kalten Entzugs wird ebenso ungeschönt gezeigt wie die Folgen einer Überdosis. Ein Mitglied der Clique muss ins Gefängnis, ein anderes stirbt an Toxoplasmose.
Nein, besonders erstrebenswert erscheint das alles nicht. In manchen Szenen erreicht der Film spielend die albtraumhafte Intensität seines Abkömmlings „Requiem for a Dream“. „Neue Helden“, der deutsche Untertitel, kann nur zynisch, mindestens aber ironisch interpretiert werden. Dass der Film dennoch niemals den mahnenden Zeigefinger hebt, kommt seiner Botschaft sehr zugute. Er verurteilt seine Protagonisten nicht, sondern zeichnet sie als menschliche Wesen, die von Widersprüchen gezeichnet sind und in der Gesellschaft keinen Platz zu finden scheinen. Vermutlich war es die eher subtile als plakative Moral, die Boyles Werk bei manchem Kritiker in Verruf brachte. Doch gerade daraus schöpft es seine Kraft. Es ist bedauerlich, dass dem Film gegen Ende etwas die Luft ausgeht. Eine halbe Stunde weniger hätte ihm sicher nicht geschadet.
Unterhaltsamer Horrortrip ohne Moralkeule.
Renton: Ewan McGregor
Spud: Ewen Bremner
Sick Boy: Jonny Lee Miller
Tommy: Kevin McKidd
Begbie: Robert Carlyle
Diane: Kelly Macdonald
Regie: Danny Boyle | Großbritannien, 1996
Länge: 94 min | FSK: ab 16 | Buch: John Hodge | Kamera: Brian Tufano | Szenenbild: Tracey Gallacher | Schnitt: Masahiro Hirakubo | Produktion: PolyGram

