Tod in Venedig


Handlung

Der Komponist Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fünfzigsten Geburtstag amtlich sein Name lautet, steckt in einer tiefen Schaffenskrise. Und da er sich hauptsächlich über seine Arbeit definiert, lässt die unvermeidliche Sinnkrise nicht lange auf sich warten. Um seinem Alltag zu entfliehen, beschließt er, für einige Tage nach Venedig zu reisen. Dort begegnet ihm der vierzehnjährige Pole Tadzio, von dessen Schönheit er augenblicklich fasziniert ist. Fortan beobachtet er den Jüngling beinahe täglich im Speisesaal und bewundert ihn aus der Ferne beim Spielen am Strand. Da er es nicht übers Herz bringt, sich von Tadzio zu trennen, verlängert er seinen Urlaub auf unbestimmte Zeit. In den folgenden Wochen richtet Aschenbach seinen gesamten Tagesablauf auf die Beobachtung des Jungen aus. Selbst als er erfährt, dass Venedig von einer Cholera-Epidemie heimgesucht wird, bleibt er in der Stadt, um weiterhin in Tadzios Nähe sein zu können. Seine Besessenheit nimmt immer deutlicher pathologische Züge an: Auf endlosen Spaziergängen verfolgt er den Jungen durch die Straßen Venedigs und gesteht sich schließlich ein, dass er ihn liebt. Um ihm attraktiver zu erscheinen, lässt er sich die Haare färben und das Gesicht schminken.


Ohne je ein Wort mit Tadzio gewechselt zu haben, stirbt Gustav Aschenbach in seinem Strandkorb an der Cholera. Und noch desselben Tages empfängt eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode.


Meinung

Luchino Visconti inszenierte Thomas Manns einflussreiche Novelle in poetischen Bildern und sparsamen Dialogen. Damit bleibt er seiner Vorlage treu, denn Manns Werk, ein Höhepunkt der Décadence-Literatur, besteht zu großen Teilen aus Beobachtungen, Reflexionen und – nicht zuletzt – Gefühlen. Auch der Film erzählt die Geschichte einer stillen Bewunderung; die beiden Protagonisten wechseln kein einziges Wort. Dass es ihm dennoch gelingt, zu fesseln und zu berühren, ist nicht zuletzt der Schauspielkunst Dirk Bogardes zu verdanken. Ein Zugeständnis scheint Visconti dem Medium Film jedoch gemacht zu haben: Sein Aschenbach ist nicht Schriftsteller, sondern Komponist. War er in der Novelle noch deutlich als Alter Ego Thomas Manns zu erkennen, konzentriert sich der Film auf ein weiteres Vorbild der Figur: Gustav Mahler. Dieser von Mann verehrte Komponist war 1911, ein Jahr vor Entstehung der Novelle, gestorben. Folgerichtig unterlegte Visconti seinen Film mit Auszügen aus Mahlers Sinfonien Nr. 3 und Nr. 5. Doch soll an dieser Stelle kein dezidierter Vergleich zwischen Vorlage und Adaption angestellt werden; Viscontis Film ist es wert, als eigenständiges Kunstwerk betrachtet zu werden.

Gemeistert hat der Film auch seine vermutlich größte Herausforderung: die Darstellung des Jünglings Tadzio. Mit ihm, dem Objekt der Begierde, steht oder fällt die gesamte Inszenierung. Visconti wird vor dem gleichen Problem gestanden haben, wie ein Regisseur, der die Rolle der antiken Helena besetzen muss. Welcher Schauspieler ist geeignet, einen Jungen zu verkörpern, der als Inbegriff der übergeschlechtlichen Schönheit beschrieben wird? Der androgyne Björn Andrésen erweist sich diesbezüglich als wahrer Glücksgriff, denn es gelingt ihm, mit seiner anmutigen, schüchternen, zuweilen auch kecken Art, nicht nur Aschenbach, sondern auch den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Wäre der Darsteller Tadzios auch nur ein bisschen zu wenig enigmatisch und faszinierend gewesen, hätte sich die gesamte Magie des Films in Luft aufgelöst. Die Obsession Aschenbachs wäre nicht mehr nachzuvollziehen gewesen.

Gekonnt in Szene gesetzt, ist auch die eindrucksvolle Kulisse des Films. Die Handlung von „Tod in Venedig“ ist an keinem anderen Ort der Welt denkbar. Nur in der Lagunenstadt kann diese Geschichte eines Verfalls ihre volle, beinahe kammerspielartige Wirkung entfalten. Denn Venedig ist selbst vom Verfall betroffen. Die Stadt stirbt aus, sie geht buchstäblich unter. Überall ist es feucht und stickig, Mückenschwärme bevölkern die schwüle Luft. Über faulig stinkenden Kloaken thronen die Häuser auf ihren Pfählen, dazwischen verläuft ein Labyrinth aus Gässchen, mit Wäscheleinen überspannt. Eine Piazza sieht aus wie die andere: der perfekte Ort für Verfolgungsjagden. Die unbehaglich morbide Atmosphäre dieser Stadt wird in Viscontis „Tod in Venedig“ treffend eingefangen.


Der Film behandelt den schleichenden Tod eines Mannes in einer Stadt, die selbst in ihren letzten Zügen zu liegen scheint. Wie schon in Thomas Manns Novelle ist die Todessymbolik allgegenwärtig, seien es die sargähnlichen Gondeln oder die unendlichen Weiten des Meeres. Die „Todesboten“ treten als rothaarige Kreaturen auf. Bereits der Gondoliere, der Aschenbach zum Lido befördert, erinnert an Charon, den Fährmann des Todes. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass es für Aschenbach keine Rettung gibt. Nicht umsonst erinnert der Aufbau der Novelle an eine klassische Tragödie: Es gibt ein paar retardierende Momente; das tragische Ende erweist sich jedoch als unvermeidlich. Aschenbach, einst ein bemerkenswertes Beispiel an Disziplin und Moral, verwandelt sich, indem er dem Jugendwahn verfällt und einer sinnlosen Obsession nachgeht, in einen jener Menschen, auf die er stets verächtlich herabzublicken pflegte. Schmerzhaft ist es, mitanzusehen, wie der Komponist seine Würde und schließlich sein Leben verliert.


Viel ließe sich schreiben, über die Behandlung der Künstlerproblematik, die zahlreichen mythologischen Bezüge, den Gegensatz zwischen Apollinischem und Dionysischem, unterdrückte Homosexualität oder die psychoanalytische Sichtweise. Doch sind die meisten dieser Aspekte in der Literaturwissenschaft wohl am besten aufgehoben. Der Film ist in erster Linie ein visuelles Meisterwerk, wenngleich das durchweg sehr langsame Erzähltempo nicht für jeden Geschmack geeignet sein mag.

Elegisches Stimmungskino.

von Andreas Thum



Gustav Aschenbach: Dirk Bogarde

Tadzio: Björn Andrésen

Regie: Luchino Visconti | Italien, 1971

Länge: 130 min | FSK: ab 12 | Buch: Luchino Visconti, Nicola Badalucco | Kamera: Pasqualino De Santis | Szenenbild: Ferdinando Scarfiotti | Schnitt: Ruggero Mastroianni | Musik: Gustav Mahler | Produktion: Luchino Visconti