This Prison where I live
Handlung
„Du verpasst echt was!“, sagt Michael Mittermeier und prostet in die Kamera. „Hier steigt eine Riesenparty ohne dich.“ In Wahrheit ist es eine traurige Feier, die der populäre deutsche Comedian und der Dokumentarfilmer Rex Bloomstein begehen. Auf einer windschiefen Veranda im ländlichen Burma stoßen sie auf den Geburtstag von Zarganar an. Der Ehrengast kommt nicht, wird nicht kommen, das wissen Mittermeier und Bloomstein. Der berühmteste Komiker des Landes sitzt im Gefängnis. 2009 wurde Zagarnar unter fingierter Anklage zu 59 Jahre Haft verurteilt. Der tatsächliche Grund ist sein system-kritischer Humor. In einem verzweifelten Versuch, den Künstler zu treffen, begleitet Mittermeier Rex Bloomstein in dessen Dokumentarfilm „This Prison where I live“.
Immer verfolgen das Filmteam in der Landeshauptstadt Yangon die Augen der Regime-Spitzel, manchmal ohne dass sie es ahnen. Ihr Weg führt Mittermeier und Bloomstein bis in die 9000 Meilen von Yangon entfernte Provinz. Hier steht die reale Strafanstalt, die für Zarganar „This Prison where I live“ ist.
Meinung
Einen seiner Auftritte hatte Zarganar vor dem burmesischen Diktator persönlich. Auf der Bühne erschien er mit einem Pflaster auf dem Mund. Politische Anspielungen, war ihm zuvor zu verstehen gegeben worden, seien unerwünscht. Angeblich lachte der Diktator - ein trügerisches Lachen. Bereits 1990 wurde Zarganar auf Grund eines Auftritts während einer Protestkundgebung verhaftet. Fünf Jahre durchlitt er in Einzelhaft psychische und physische Folter. Unmittelbar nach seiner Entlassung zog es ihn zurück auf die Bühne. Zwölf Jahre arbeitete er unter strengster Zensur. 2006 wurde ihm jegliche Form der Kunstausübung oder Publikation verboten. Sein Name wird zum Tabu, weder er noch ein Medium darf ihn erwähnen. Trotz staatlichen Verbots gibt er Rex Bloomstein ein heimliches Interview. Als der Regisseur nun zurückkehrt, wagen Zarganars Bekannte nicht mehr, vor die Kamera zu treten. Die filmische Leerstelle verstärkt die Intensität der Reportage, macht die Unterdrückung nahezu physisch greifbar. Die Furcht durchdringt die Leinwand.
Rasch wird klar, dass Mittermeier, der sagt, zwischen ihnen lägen Welten, mehr mit Zarganar verbindet als der Beruf. Beide leben in Ländern, in denen aus Sicht des internationalen Mainstreams Publikumskomiker nicht existieren. Die Deutschen gelten als pathologisch humorlos, Burma ist in den Medien für Nachrichten von politischen Konflikten bekannt, nicht für komische Darbietungen. Letzteres verwundert fast, nachdem sich Zarganar auf Archiv-bildern Bloomsteins vorgestellt hat. Trotz der bitteren Ernsthaftigkeit der filmischen Thematik zaubern die doppelbödigen Scherze des Künstlers den Kinozuschauern ein Lächeln ins Gesicht. Das Lachen ist eine Waffe gegen den Schrecken, auch dies dokumentiert Bloomsteins bewegende Dokumentation unterschwellig. Wird sein Entsetzen angesichts des Unrechts übermächtig, beginnt Mittermeier Sprüche zu klopfen. Dem sprühenden Witz des Stand-Up Comedian kann man sich schwer entziehen. Stand-Up Comedian, er möge den Begriff, sagt Mittermeier, weil er für ihn ausdrücke, dass jemand sich nicht unterkriegen lässt. Die innere Stärke dazu wünscht er auch Zarganar: „Sie können keinen Verstand, kein Herz, keinen Geist brechen.“
Aber einen Körper. Dies wissen auch Mittermeier und Bloomstein, dessen hochbrisantes Werk vor allem ein Pamphlet für die Freilassung des Künstlers ist. Der enthüllende humoristische Fingerzeig darauf allein kann den diktatorischen Terror nicht bannen. Dazu braucht es internationalen Protest und Aufmerksamkeit für die politische Situation in Burma. In ebenso eindringlicher wie anrührender Weise versucht „This prison where I live“ dazu beizutragen.
Das Lachen verstummt.
Mit: Zarganar, Michael Mittermeier, Rex Bloomstein
Regie: Rex Bloomstein | Großbritannien, 2010
Länge: 91 min | FSK: ab 12 | Buch: Rex Bloomstein | Kamera: Alexander Boboschewski | Schnitt: Paul Binns | Produktion: Rex Bloomstein

