This is Love


Handlung

Chris und Holger befreien ein neunjähriges Mädchen aus vietnamesischen Zuhälterkreisen. Da die Adoptiveltern in Deutschland von der Adoption zurücktreten, zieht das Mädchen namens Jenjira bei Chris ein. Er entwickelt Gefühle für sie, die über die väterlichen, beschützenden hinausgehen und die er immer weniger kontrollieren kann. Aus Liebe wird Verbrechen. Nun steht Chris unter Verdacht. Maggi ist Polizistin und hat vor 16 Jahren ihren Ehemann verloren - er verschwand von einem Tag auf den anderen. Mit Alkohol kämpft sie gegen ihren Verlust an. Als Jenjira eines Tages als vermisst gemeldet wird, treffen Chris und Maggie aufeinander. In mehreren Verhören decken sie gegenseitig ihre dunklen Seiten auf.

Meinung

Es ist die in der Gesellschaft ausgeschlossene Seite der Lust und Liebe, die Drehbuchautor und Regisseur Glaser als Künstler interessiert. Bereits mit seinem preisgekrönten Vergewaltiger-Drama „Der freie Wille“ bewegte er sich auf Boden, den zuvor kein deutscher Regisseur betreten hatte und wurde glatt mit einem Berlinale Bären belohnt. Er stellt in dem Drama mit Jürgen Vogel – der in einer Nebenrolle in „This is Love“ zu sehen ist - die Frage, inwieweit sich der Mensch selbst im Griff hat oder er von seinen Trieben gesteuert wird. Seine unmissverständliche Antwort ist, dass die Triebe Oberhand gewinnen. In seinem zweiten Spielfilm geht Regisseur Glaser einen ähnlichen – noch schonungsloseren - Weg, doch überspannt er den Bogen dabei zu sehr. „This is Love“, “Is it really?”. Schon über den Titel lässt sich streiten. Die Liebe kennt viele Spielarten, suggeriert der Titel auf eine gewisse unschuldige Weise. Soweit so gut, doch die Thematik des Films schrammt am Thema Liebe, jedenfalls wie sie ein gesunder Menschenverstand definiert, vorbei. Eine perverse und kranke Liebe lotet Glaser aus und zieht den Zuschauer in ein gefährliches Gedankenspiel.

Anhand zweier Schicksale, die lose miteinander verbunden sind, wird veranschaulicht, wie die „unerhörte“ Liebe den Menschen kaputtmachen kann. Glaser wählt für sein Drama eine Hochglanzoptik, schreckt nicht vor digital verfremdeten Material zurück und schafft damit eine traumähnliche Atmosphäre. Helle, pastellfarbene Bilder suchte man in „Der freie Wille“ vergeblich. Hier war es die schmutzige graue Realität, die sich auch in den Bildern auszeichnete. Vielleicht hätte eine drastischere Bildersprache auch „This is Love“ gut getan. Denn mehr als einmal kollidiert die seichte Poetik der Bilder mit der Erzählung.

Der dänische Hauptdarsteller Jens Albinus ist den Umgang mit komplexen Stoffen gewöhnt, denn er stand bereits für Lars von Trier vor der Kamera. Seine Darstellung eines gebrochen-en Mannes, der sich eines schweren Verbrechens strafbar macht - zunächst nur in Gedanken, später in der Realität – ist sehr präzise. Man kann sehen, wie er von Szene zu Szene schwächer wird, wie sein Wille, gegen die Versuchung und auch seinen Körper anzukämpfen, immer weniger wird. Bis es schließlich zur unerhörten Tat kommt und er keinen Ausweg mehr sieht. Auch die Schauspielgewalt, die Corinna Harfouch hier an den Tag legt, ist erwähnenswert. Sie gibt eine alkoholkranke Polizeikommissarin mit einer mysteriösen Vergangenheit und zeigt einmal mehr, dass sie zu den besten deutschen Schauspielerinnen gehört. Beide Charaktere sind so gezeichnet, dass eine Einfühlung nicht sonderlich schwer fällt. Doch genau an dieser Stelle wird es brenzlig. Indem Glaser die Sympathien des Zuschauers auf den gefährlichen Außenseiter der Gesellschaft zieht, macht er uns zu Mittätern. Er will uns an einem Verbrechen teilhaben lassen. Sein gewagtes Experiment scheitert allerdings und sein Plan geht nicht auf. Am Ende bleibt beim Zuschauer ein schmutziges Gefühl und keine Akzeptanz oder gar Legitimierung der Grenzüberschreitung, wie sie die Inszenierung scheinbar intendiert.

Mutiges deutsches Kino – mit großem Fragezeichen.

von Markus Wuttke



Chris: Jens Albinus
Holger: Jürgen Vogel

Jenjira: Lisa Nguyen
Maggi: Corinna Harfouch

Regie: Matthias Glaser | Deutschland, 2009

Länge: 107 min | FSK: ab 16 | Buch: Matthias Glaser | Kamera: Sonja Rom | Szenenbild: Frank Prümmer | Schnitt: Mona Bräuer, Heike Gnida | Produktion: Jürgen Vogel, Andreas Schreitmüller, Lars Kraume, Gebhard Henke, Frank Döhmann