The Rocky Horror Picture Show


Handlung

Ein geplatzter Reifen bereitet einem Ausflug des frisch verlobten Pärchens Brad Majors und Janet Weiss ein jähes Ende. Auf der Suche nach einem Telefon gelangen die beiden zum Schloss des Wissenschaftlers Frank-N-Furter, der sich ihnen als Transvestit vom transsexuellen Planeten Transylvanien vorstellt. Furters neueste Schöpfung ist der muskelbepackte Rocky, der ihm als Lustknabe dienen soll. Nachdem Furter Brad und Janet davon überzeugt hat, die Nacht im Schloss zu verbringen, gelingt es ihm, beide zu verführen und ihnen damit die Unschuld zu nehmen. Doch wenig später wird der Betrüger zum Betrogenen, denn Rocky hintergeht seinen Meister, indem er mit Janet schläft. Die Ereignisse erfahren eine überraschende Wendung, als Dr. Everett Scott im Schloss erscheint. Scott, ein Bekannter von Brad und Janet, ist auf der Suche nach seinem Neffen Eddie, der sich Furter einst angeschlossen hatte, von diesem jedoch im Zorn getötet wurde. Nach einem gemeinsamen Abendessen in unterkühlter Atmosphäre verwandelt Furter seine irdischen Gäste vorübergehend in Stein und bereitet die „Floor Show“ vor. Bei dieser Veranstaltung werden Brad, Janet und Dr. Scott durch den Einfluss Furters “geläutert“ und singen ein Loblied auf sexuelle Freizügigkeit.


Die Orgie im Swimmingpool wird abrupt beendet, als der Hausdiener Riff Raff und seine Schwester Magenta erscheinen und verkünden, dass Furters Herrschaft beendet sei. Sie hätten das Leben auf der Erde satt und würden sich daher mit einem „time warp“ wieder auf ihren Heimatplaneten Transylvanien zurückbeamen. Riff Raff erschießt Furter und dessen Kreatur Rocky, lässt die Erdbewohner jedoch laufen. Kurz nachdem diese das Schloss verlassen haben, erhebt sich das Gebäude gen Himmel und fliegt davon.


Meinung

Fast scheint es, als bringe jedes Jahrzehnt der jüngeren Geschichte ein Musical hervor, dem es gelingt, den jeweiligen Zeitgeist wie kein zweites einzufangen. Die 30er und 40er sahen Fred Astaire und Gene Kelly in ihren größten Rollen, die 50er hatten Leonard Bernsteins Halbstarken-Drama „West Side Story“ und in den 60ern lieferte „Hair“ den Soundtrack zum Summer of Love. 1973 feierte das Musical „The Rocky Horror Show“ in London seine Premiere. Die sexuelle Revolution war in vollem Gange, David Bowie definierte mit seinem Geschöpf Ziggy Stardust den Glam-Rock neu und Lou Reed schien auf dem Cover seines Albums „Transformer“ (1972) das sinister-erotische Auftreten Frank-N-Furters bereits vorwegzunehmen. In dieser Zeit der Befreiung und der Androgynie fiel Richard O’Briens Musical auf fruchtbaren Boden. 1975 kam unter der Regie Jim Sharmans die Verfilmung zustande, deren Besetzung größtenteils mit dem damaligen Londoner Musical-Cast identisch ist.

Ohne allzu ausführlich auf die einzelnen Musicalnummern eingehen zu wollen, die selbstverständlich einen Großteil der Handlung ausmachen und zum Teil recht clever geschrieben sind, sei an dieser Stelle kundgetan: „The Rocky Horror Picture Show“ macht ihrem Namen alle Ehre und rockt an ihren besten Stellen so gewaltig, dass man über Schwachstellen im Repertoire gerne hinwegsieht. Die augenzwinkernde Selbstironie funktioniert erfreulicherweise auch in musikalischer Form. Eine regelrechte Offenbarung ist die schauspielerische Leistung Tim Currys. Zwar wissen auch der wunderbar linkische Barry Bostwick und Susan Sarandon als spießiges all-American couple zu überzeugen, doch ist es der „Sweet Transvestite“, der letztlich allen die Schau stiehlt. Mit seinem dämonischen Sexappeal, der bedrohlichen Unberechenbarkeit und einem Hauch von Verletzlichkeit wirkt er wie eine gefährliche Mischung aus dem Klischeebild eines verrückten Wissenschaftlers und, nun ja, Freddie Mercury. Ein Großteil des unvergleichlichen Rocky-Horror-Humors wird durch Currys mimische und gestische Eskapaden transportiert.

Doch es ist weder die Musik, noch sind es Tim Curry oder Susan Sarandon, die in „The Rocky Horror Picture Show“ die Hauptrolle spielen. Die heimliche Protagonistin heißt Popkultur. In jeder Szene zelebriert der Film die neu gewonnene Lust am Zitieren, am Persiflieren und an der Nostalgie. Beinahe wehmütig fragt Furter nach dem Schicksal Fay Wrays, die in den 1930ern als King Kongs „weiße Frau“ Weltruhm erlangt hatte, während Eddie alias Meat Loaf die goldenen Jahre des Rock ’n’ Roll besingt, die nun leider zu Ende gegangen seien. Bereits im Titelsong „Science Fiction Double Feature“, den der Regisseur selbst mit Falsettgesang intoniert, taucht ein ganzer Reigen an Helden der Vergangenheit auf, bevorzugt aus dem Science-Fiction- oder Horror-Genre: Dr. X, The Invisible Man, Flash Gordon – aber auch deren Kinder, Brad und Janet. O’Brien zählt zu einer der ersten Generationen von Regisseuren, die mit Kinofilmen und Fernsehproduktionen aufgewachsen sind und deren eigene Werke von diesen Kindheitserinnerungen zehren. In gewisser Weise führt er hier vor, was Quentin Tarantino und Konsorten zwei Jahrzehnte später vollenden werden: Kino als Spielwiese der Intertextualität, Kino als absolute Hommage. Nun wäre es freilich übertrieben, „The Rocky Horror Picture Show“ als Vorreiter des postmodernen Films zu bejubeln, doch die Liebe zum Detail mit der O’Brien seine Welt kreiert und dekoriert, ist schlichtweg beeindruckend.

Abgesehen von seinen filmischen Qualitäten ist „The Rocky Horror Picture Show“ natürlich auch als Phänomen interessant. Zunächst nicht sehr erfolgreich in den Kinos gestartet, avancierte der Film in den folgenden Jahrzehnten zum – und hier ist dieses inflationär gebrauchte Wort ausnahmsweise gerechtfertigt – Kult. In den Mitternachtsvorstellungen versammelte sich nach und nach eine wachsende Anhängerschaft, der es bis heute nicht an Nachwuchs mangelt. Wer vor dem heimischen Fernsehschirm dem Charme dieser abgedrehten Geschichte und ihrer musikalischen Untermalung nicht erliegt, sollte die nächste Kinovorstellung auf keinen Fall verpassen (anbieten würde sich beispielsweise ein Münchener Kino, das den Film seit 1977 regelmäßig im Programm hat). Zwar dürfte hinlänglich bekannt sein, dass an manchen Stellen mit Reis geworfen, an anderen mit Wasser gespritzt und an wieder anderen mit Toast geworfen wird, doch die vollständige Dynamik einer Kinovorstellung wird einem erst bewusst, wenn man sich selbst in die farbenfrohe Dunkelheit Transylvaniens hinabgewagt hat. Zwischen illustrem Publikum entfaltet sich die beinahe sakrale Aura des Rocky-Horror-Kultes (diesmal in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes). Wer sich schon immer gewünscht hat, Filme auch im Kino unbehelligt kommentieren zu können, kommt hier durchaus auf seine Kosten, wenngleich nicht jeder unoriginelle Zwischenruf goutiert wird. Wenn man dann nach eineinhalb Stunden mit nassen Haaren, Mehl an der Hose und sechs verschiedenen Reisarten im Schuh aus dem Kino taumelt, kann man sich wahrhaft glücklich schätzen.

Dennoch sollte ausdrücklich betont werden, dass „The Rocky Horror Picture Show“ nicht nur als choreographiertes Mitmach-Spektakel, sondern auch als Film funktioniert, vorausgesetzt man begeht nicht den Fehler, ihn ernst nehmen zu wollen. Er ist ein B-Movie, der sich auf B-Movies beruft, trashy und campy, grell und schrill. Doch gerade das macht seinen besonderen Reiz aus. Er ist ein orgiastisches Feuerwerk, das aus einer anderen Welt zu stammen scheint und an dessen Ende ein – zugegeben reichlich banales – doch umso treffenderes Fazit steht: „Don’t dream it, be it!“ Ein schlichter Satz als Essenz eines furiosen Abgesangs auf Verklemmtheit, Spießertum, Pietismus und biedere Sexualmoral. Toucha, toucha, toucha, touch me – I wanna be dirty! Die Hippies haben gewonnen.

Grellbuntes Trashspektakel, das (zum Glück) nicht jedem gefällt.

von Andreas Thum



Brad Majors: Barry Bostwick
Janet Weiss: Susan Sarandon
Frank-N-Furter: Tim Curry
Rocky: Peter Hinwood
Dr. Everett Scott: Jonathan Adams

Eddie: Meat Loaf
Riff Raff: Richard O'Brien
Magenta: Patricia Quinn
Erzähler: Charles Gray

Regie: Jim Sharman | USA, 1975

Länge: 96 min | FSK: ab 12 | Buch: Richard O'Brien, Jim Sharman | Kamera: Peter Suschitzky | Szenenbild: Terry Ackland-Snow | Schnitt: Graeme Clifford | Musik: Richard O'Brien, Richard Hartley | Produktion: Lou Adler