The killer inside me
Handlung
„Es gibt keine Verbrecher in dieser Stadt.“, verspricht Sheriff Lou Ford mit einem Lächeln. Keine Untat weit und breit in der hübschen texanischen Kleinstadt, die der gut aussehende junge Mann überwacht. „Ich kenne dich in und auswendig.“, verrät ein Kollege Lou. In seinem ganzen Leben habe der naiv wirkende Sheriff Ford nichts schlechtes getan. Nur seine masochistische Geliebte Joyce kennt einen andern Lou, doch sie kann nicht mehr sprechen. Der Sohn des reichsten Geschäftsmanns des Städtchens auch nicht. Lous Verlobte Amy fühlt, dass ihr Zukünftiger eine dunkle Seite hat, doch Lou hat andere Sorgen. Die Leichen in Lous Distrikt häufen sich und seine Kollegen beginnen zu ahnen, dass Lou selbst einige davon im Keller hat.
Meinung
Mit einer subtilen Note schwarzen Humors zeigt Winterbottom den Serienmord als akzeptable Alternative zu einem konventionellen Lebensstil. Seine brutalen Impulse zu unterdrücken, versucht Lou gar nicht erst. Weder quälen ihn Schuldgefühle auf Grund der verübten Taten, noch fürchtet er seine Mordlust. Von allen Charakteren ist der mit den meisten Gründen zur Sorge der Ausgeglichenste. Stereotype Filmmörder mögen sich mit Alpträumen plagen, Lou genießt seine süßen Erinnerungen an sein Opfer Joyce. The bad sleep well. „Einer muss ja einen kühlen Kopf bewahren.“, bemerkt Lou, als ein Kollege ihn auf seine Kaltblütigkeit anspricht. Diese bis zum Leichtsinn gehende Sorglosigkeit wird ihm zum Verhängnis. Oberflächlich betrachtet erscheint Lou als ein organisierter Serientäter, der bei seinem ersten Mord Handschuhe anzieht und seine Taten Anderen anzuhängen versucht. Tatsächlich ist sein Vorgehen ein für einen soziopathischen Charakter typisch Chaotisches. Bei der Platzierung falscher Anhaltspunkte und dem Beseitigen von Beweisen geht er so sorglos vor wie bei seinen Morden. Seine Egomanie versperrt ihm die Sicht auf seine Beschränktheit. Entsprechend seines grandiosen Selbstbildes betrachtet er seine Schlichen als genial. Dass Andere sie schnell durchschauen, ist für ihn unvorstellbar. Den Hintergrundkommentar seines Hauptcharakters ironisiert Winterbottom, indem er ihn mit der unvorteilhaften Entwicklung der Ereignisse kontrastiert, die Lou entgeht.
Die sorgfältig etablierte Atmosphäre wachsender Bedrohung unterwandert er mit gesellschaftskritischen Elementen. In der visuellen Dramaturgie bricht „The killer inside me“ mit den Charakteristika des Noir. Lou begeht seine Morde bei Tag in einer adretten Kleinstadt. Das spießbürgerliche Idyll ist Brutstätte und ideale Tarnung für das Grauen. Das Böse kommt nicht aus den Slums oder von Außerhalb, es bricht aus der Mitte der gutbürgerlichen Gesellschaft hervor. Anhand der Hauptfigur führt Winterbottom die Heuchelei und Doppelmoral der wohlhabenden Mittelschicht vor. Als Polizist verachtet Lou soziale Außenseiter wie Prostituierte und Obdachlose. Der Gesetzesvertreter betrachtet sich selbst als über dem Gesetz stehend und wird darum zum Gesetzesbrecher. Nachdem er sich seiner mörderischen Veranlagung bewusst geworden ist, akzeptiert Lou sie ohne größere Bedenken und handelt danach. Mord erscheint ihm als die einfachste und sicherste Lösung für seine Probleme. Dass er dabei nebenher seinen sexuellen Sadismus ausleben kann, macht das Töten für ihn zur logischen Handlungsoption. Kontakte knüpft er spielerisch, zu tieferen Gefühlen der Anteilnahme ist er unfähig. Um Joyce trauert er wie ein Kind um ein kaputtes Spielzeug. Jedes Spielzeug ist ersetzbar, darum ähneln sich die Frauen in Lous Leben.
„The killer inside me“ zitiert den Stil des Pulp-Fiction-Genre, welchem der 1952 erschienene gleichnamige Roman von Jim Thompson angehört. „Dimestore Dostotojewski“ wurde der unterschätzte Autor der Filmvorlage genannt, der unter anderem das Drehbuch für Stanley Kubricks „The Killing“ verfasste. „Lightweight Lynch“ könnte man Winterbottom angelehnt an Thompsons Spitznamen nennen. Auf drastische grafische Gewaltdarstellungen verzichtet Winterbottom zu Gunsten eines subtilen psychologischen Horrors. Im Gewand eines Kriminalthrillers inszeniert Winterbottom eine bitterböse Sozialsatire.
In einer Grand Guinoleken Hommage an einen der härtesten der 'hard-boiled' Romane löscht „The killer inside me“ schließlich das spießbürgerliche Idyll und das aus ihm erstandene Monster gleichermaßen in einem von einem letzten Kuss begleiteten Flammeninferno aus, welches die Hölle vorweg nimmt.
Kiss me deadly.
Lou Ford: Casey Affleck
Joyce: Jessica Alba
Amy: Kate Hudson
Chester Conway: Ned Beatty
Billy Boy Walker: Bill Pullman
Regie: Michael Winterbottom | USA, Großbritannien, 2009
Länge: 120 min | FSK: ab 16 | Buch: John Curran | Kamera: Marcel Zyskind | Musik: Melissa Parmenter, Joel Cadbury | Schnitt: Mags Arnold | Produktion: Chris Hanley, Bradford L. Schlei, Andrew Eaton

