The Happiest Girl in the World
Handlung
„Mein Name ist Delia Fratila und ich bin das glücklichste Mädchen der Welt!“ Gekostet hat es die 18-Jährige nur drei Brause-Etiketten. Bei einem Preisausschreiben des Getränkeherstellers hat Delia sie eingeschickt und ein Auto gewonnen. Mit ihren Eltern ist sie nach Bukarest gefahren, wo sie einen Werbespot für die Getränkefirma drehen soll. Nun sitzt sie mit der Brause in der Hand in ihrem neuen Wagen und sagt immer wieder den gleichen Satz in die Kamera. Das geforderte Lächeln fällt Delia immer schwerer. Ihre Eltern wollen das Auto verkaufen und den Gewinn für sich ausgeben. Dem Filmteam kann es Delia nicht Recht machen. Der schier endlose Dreh wird langsam zur Tortur. „Das glücklichste Mädchen der Welt“ lernt, dass nichts im Leben geschenkt ist.
Meinung
„The Happiest Girl in the World“ zu sein, hat seinen Preis. Delia zahlt ihn mit einer bitteren Lektion in Desillusionierung. Über trügerische Hoffnungen und Materialismus drehte Radu Jude eine hintergründige Tragikkomödie. Der Subplot seiner sozialkritischen Satire ist so bitter, dass das Lachen erstickt. Bevor er sich dem Kino zuwendete, drehte der rumänische Regisseur selbst über hundert Werbefilme. Anhand der Vorspiegelungen der Reklame-industrie führt er exemplarisch die Verlogenheit von Familie und Gesellschaft vor. Delias harmonische Familie ist eine Kulisse, so unglaubwürdig wie das gemalte Bilderbuchidyll, in welchem das erste Kinoplakat die Hauptfigur zeigte. Trotzdem machen alle weiterhin gute Miene zum bösen Spiel. Der titelgebende Werbesatz, den Delia unzählige Male wiederholen muss, verweist auf die Verlogenheit, satirisch überspitzt und dennoch bitter wahr. Delia erkennt die Falschheit, die sie umgibt. Ihre Mitmenschen gaukeln ihr weiterhin etwas vor, weil sie der Jugendlichen Tiefblick nicht zutrauen. Dass alle Delia behandeln, als wäre sie stumpfsinnig, ist vielleicht die größte Beleidigung in der Kette von Demütigungen, die „Das glücklichste Mädchen der Welt“ ertragen muss.
Die erste der falschen Versprechungen ist der Filmtitel. „Das glücklichste Mädchen der Welt“ ist das Letzte, was die Hautfigur aus der rumänischen Unterschicht ist. Ihre Eltern und die Filmcrew lassen keine Gelegenheit aus, die unscheinbare Jugendliche dies spüren zu lassen. Alles, was Delia sagt und tut, scheint falsch zu sein. Ihre pummelige Figur wird abfällig betrachtet. Warum konnte keine Schönere gewinnen? Für den Dreh hat sie sich extra hübsch gemacht; als erstes muss sie in die Maske und sich umziehen. Anders sprechen, anders gucken. Mehr Brause trinken, bis ihr übel wird. Doch Delia schluckt. Brause, Beleidi-gungen und die elterlichen Beschränkungen, mit denen sie buchstäblich ausgebremst wird.
Einen tollen Tag erlebt keiner der Protagonisten, doch alle profitieren. Die Firma bekommt ihren Werbespot, die Eltern das Auto, die Mitarbeiter der Filmcrew wenigstens ihr Gehalt. Nur Delia kriegt nichts. Der jungen Frau sind alle Türen versperrt, sogar die des Familienwagens, in den sie am Ende einsteigen will.
Radu Judes Kinodebüt wirft nicht nur einen enthüllenden Blick auf den schonungslosen Materialismus seines Heimatlandes. Wirtschaftliche, familiäre und soziale Machtstrukturen verstärken einander, damit Menschen wie Delia nie das Steuer in die Hand nehmen, sei es nur das ihres eigenen Lebens. Nicht einmal eine Probefahrt darf sie in ihrem Auto machen. Verloren hatte sie schon, bevor sie es gewann.
Wie gewonnen so zerronnen.
Delia: Andrea Bosneag
Vater: Vasili Muraru
Mutter: Violeta Haret
Viorel: Bogdan Marhodin
Mr. Arvunescu: Doru Catanescu
Regie: Radu Jude | Rumänien, Niederlande, 2009
Länge: 100 min | FSK: ab 6 | Buch: Radu Jude, Augustina Stanciu | Kamera: Marius Panduru | Schnitt: Catalin Cristutiu | Produktion: Ada Solomon

