The American
Handlung
Eines Tages taucht der Amerikaner in dem stillen italienischen Bergort auf. Niemand weiß, woher er kommt. Niemand weiß, warum er dort ist. Fotojournalist behauptet er zu sein, doch niemals sieht man ihn mit einer Kamera. Der Dorfpfarrer Benedetto ahnt, dass sich ein düsteres Geheimnis hinter der undurchdringlichen Fassade des Fremden verbirgt. Doch der Amerikaner beantwortet nicht gerne Fragen. Mit der kühlen Mathilde schließt er für einen mysteriösen Auftraggeber einen Handel ab. Denn der Amerikaner ist ein Profi. Der Beste seines Fachs. Doch keine Gefühle zwischen seine Geschäft kommen zu lassen, gelingt ihm nicht. Schmerzlich musste er in der Vergangenheit dafür zahlen. Auch sein Verhältnis zu der Italienerin Clara steht unter einem schlechten Stern.
Liebe gehört für die Prostituierte Clara zum Beruf. Wie für den Amerikaner der Tod.
Meinung
„A very privat Gentleman“ nannte Autor Martin Booth den Hauptcharakter seines Romans, auf dem Anton Corbijns unterkühlter Thriller basiert. Seinen zweiten Kinofilm konzentriert der niederländische Fotograf und Videoregisseur Corbijn ganz auf die Hauptfigur: „The American“. Dennoch oder gerade deshalb ist sein Charakter nahezu der Gegenpart des Romanhelden. Er ist ein Namenloser. Vor den Einheimischen nennt er sich Clarke, doch dies ist nur ein Alias für die emblematische Figur, die er bewusst und mit Genuss verkörpert: der rätselhafte Fremde. Er warnt den Leser und lockt ihn dabei beständig mit schwärme-rischen Beschreibungen seines unbenannten Aufenthaltsorts. Die Piazza, die kauzigen Einwohner, der Wein. Zwei Frauen, die sich an ihm verbrennen, wie Motten im Licht – wie geschaffen für seinen angeblichen Beruf des Schmetterlingszeichners. Einen Schmetterling trägt wiederum Corbijns „The American“ tätowiert, einen anderen beobachtet er auf Mathildes Arm. Sein Interesse an dem Insekt und an der Frau bleiben jedoch dramaturgisch unergründet: Wie fast alles an „Jack“, wie Corbijn „The American“ nennt. Aus dem Connaisseur ist ein verschlossener Asket geworden, der selbst in den Armen der leidenschaftlichen Clara nicht auftaut.
Der „sehr private Herr“ ist mehr ein Alter Ego des Hauptdarstellers als eine Filmfigur: Mehr scheint der Amerikaner George Clooney zu spielen, als Clooney den Amerikaner. Nur das verschmitzte Lächeln, welches in Clooneys Augen aufblitzt, erinnert noch an die Genuss-freude der Romangestalt. Wie diese ist Jack ein geschulter Beobachter. Doch sein Scharf-blick dient allein dem Erspähen von Gefahren. Mit inszenatorischer Präzision erweckt Corbijn in dem beschaulichen Bergdorf eine Atmosphäre kriechender Paranoia. Alle scheinen Jack zu beobachten. Jeder weiß ein wenig zu viel. „Alle Menschen sind Sünder. Aber manche sind größere Sünder als andere.“, sagt Pater Benedetto. Jedoch ist es Jack, der scheinheilig wirkt, wenn er dem Pfarrer dessen eigenen Fehltritt vorhält.
Unterschwellig spiegeln der Pater und Jack einander: Beider Weltsicht richtet sich ausschließlich nach einem persönlichen, vom allgemeingültigen abweichenden Werteschema. Das Schuldeingeständnis des Pfarrers gegenüber Jack wirkt ebenso unaufrichtig wie Jacks kaltblütige Entschuldigungsfloskel nach einem Verbrechen.
Alle Schafe seiner Herde seien ihm teuer, sagt Pater Benedetto, aber manche teurer als andere. Es sind die schwarzen Schafe, wie der Amerikaner, der von sich selbst sagt, er tue, worin er gut sei. Als Nachfahre des einsamen Reiters sieht er Sergio-Leone-Western im Fernsehen und lauscht dem „Lied vom Tod“, das sein Auftraggeber auch für Jack spielen will. Entfernt erinnert Corbijns elegante Stilübung an einen sonnendurchfluteten Neo-Noir, dessen homme fatal sein eigenes Verderben besiegelt. Und das Radio spielt „L´Americano“.
Der stille Amerikaner.
Jack: George Clooney
Mathilde: Thekla Reuten
Clara: Violante Placido
Padre Benedetto: Paolo Bonacelli
Ingrid: Irina Björklund
Larry Bruce Altman
Regie: Anton Corbijn | USA, 2010
Länge: 99 min | FSK: ab 16 | Buch: Rowan Joffe | Kamera: Martin Ruhe | Szenenbild: Mark Digby | Musik: Herbert Grönemeyer | Schnitt: Andrew Hulme | Produktion: Jill Green, Anne Carey, Ann Wingate, Grant heslov, George Clooney

