Taxi Driver
Handlung
Um der Schlaflosigkeit zu entfliehen, heuert der Vietnamveteran Travis in New York als Taxifahrer an. Jede Nacht fährt er durch die heruntergekommenen Straßenzüge der Slums, ist dem Elend hautnah ausgeliefert; zu seinen besten Kunden zählen Dealer und Fixer, Kriminelle und Prostituierte. Die Leere in seinem Leben macht ihm zunehmend zu schaffen; er selbst bezeichnet sich als „einsamsten Mann Gottes“. Als er sich in die Wahlkampfhelferin Betsy verliebt, diese ihn jedoch zurückweist, bricht für den labilen Travis eine Welt zusammen. Sich seiner Perspektivlosigkeit bewusst werdend, beschließt er, den Präsidentschaftskandidaten Charles Palentine zu erschießen. Während der intensiven Vorbereitungen auf den Anschlag lernt Travis die zwölfjährige Prostituierte Iris kennen. Er will sie davon überzeugen, ein neues Leben zu beginnen, muss jedoch einsehen, dass Iris aus eigenem Antrieb nicht zu diesem Schritt in der Lage ist.
Als das Attentat auf Palentine misslingt, begibt sich Travis auf einen blutigen Feldzug, auf dem er Iris’ Zuhälter, den Türsteher und einen Kunden des Bordells erschießt. Nach seiner Tat wird er von der Presse und den Eltern des Mädchens als Held gefeiert.
Meinung
„Taxi Driver“ ist das Portrait einer Stadt, die nicht mehr existiert. Das New York der Siebziger ist ein trostloser Ort, gezeichnet von einer hohen Kriminalitätsrate, stetigem Einwohner-schwund und einem enormen Haushaltsdefizit. Als ein Jahr nach Abschluss der Dreharbeiten ein Stromausfall die Metropole für eine Nacht in tiefe Finsternis hüllt, offenbart sich das ganze Ausmaß des moralischen Niedergangs in Plünderungen, Vergewaltigungen und Brandstiftung. In dieser Welt lebt Travis Bickle, ein nihilistischer Einzelgänger, der an Schlaflosigkeit leidet und sich in der Welt nicht mehr zurechtfindet. Nicht mehr, denn er ist in Vietnam gewesen und wenn behauptet wird, „Taxi Driver“ sei einer der besten Filme über den Vietnamkrieg, so hat das sicherlich seine Berechtigung. Zwar zeigt er statt Palmen und Reisfeldern nur den Großstadtdschungel, doch was macht das Mitte der Siebziger schon für einen Unterschied? Der Krieg ist verloren, der Präsident ein Gauner, die Wirtschaft am Boden. Was vom amerikanischen Traum noch übrig war, liegt in Scherben.
Martin Scorseses Neo-Noir-Klassiker ist keine leichte Kost, er ist ein regelrechter Albtraum. Ein urbaner Albtraum, um genau zu sein. Als exaktes Gegenteil des so genannten „Feel-Good-Kinos“ zeigt der Film fast ausschließlich das Schlechte in der Welt. Die Verlorenen, die Kaputten, den Moloch Großstadt – herzlos, anonym und kalt. Travis ist angewidert von so viel Schmutz, Gewalt und Prostitution. Dennoch setzt er sich dem Elend jede Nacht freiwillig aus, fährt die übelsten Routen und geht regelmäßig in Pornokinos. Die Kamera begleitet das Taxi auf endlosen Fahrten durch dunkle Straßen. Aus den Gullideckeln quillt dichter Rauch – unter dem Asphalt beginnt die Unterwelt. Fast meint man, die erstickende Schwüle spüren zu können. Bernard Hermanns Musik untermalt die verregneten Bilder mit einem eindringlichen Soundtrack, den das englische Adjektiv „haunting“ wohl am besten beschreibt. Von Zeit zu Zeit verstummen die säuselnden Saxophonklänge und die Musik schwillt bedrohlich an; eine Vorausdeutung auf die sich anbahnende Eskalation. Travis ist auf der Suche nach einer Aufgabe, einem Sinn, während seine eigenen Sinne zunehmend taub werden und abstumpfen. Sehnsüchtig erwartet er einen großen Regen, der den Schmutz von der Straße spülen wird.
Als einziger Lichtblick, sowohl für Travis als auch für den Zuschauer, erscheint in dieser apokalyptischen Welt die Wahlkampfhelferin Betsy. Ein „reiner Engel“, hinabgestiegen in den Vorhof der Hölle. Durch seine dreiste und hartnäckige Art gelingt es Travis, sie zu einem Treffen zu bewegen. Doch er verspielt seine Chance. Die Zeit des Krieges und der Isolation haben ihn weltfremd werden lassen. Er versteht nicht, was Betsy ihm mitteilen will und führt sie bei der erstbesten Gelegenheit in ein Pornokino aus. Er weiß es nicht besser, er kennt nur diese Welt. War Betsy anfangs noch von seiner Andersartigkeit fasziniert, ist es nun genau diese Eigenschaft, die sie abstößt. Zwei Welten, die unweigerlich kollidieren. Travis fällt in ein Loch. Er muss erkennen, dass Betsy nicht anders ist als die anderen. Auch sie ist oberflächlich, auch sie prostituiert sich, wenn auch auf ihre Art. So gesehen ist Travis wohl die ehrlichste Figur in einem Film voller Heuchler. Er sagt, was er denkt – sowohl bei seinen Verabredungen mit Betsy als auch im Gespräch mit dem Wahlkämpfer Palentine – und er handelt affektiv.
Wieder ist Travis auf der Suche nach einer Aufgabe, einem Sinn. Von Betsy enttäuscht, reagiert er auf die einzige Art, die ihm als Soldaten angemessen erscheint: Er plant einen politischen Mord. Travis besorgt sich ein Arsenal an Waffen, duelliert sich mit seinem Spiegelbild. Fortan trägt er stets einen Revolver mit sich herum, selbst beim Fernsehen legt er ihn nicht aus der Hand. Die Szenen, in denen er seinen Körper stählt, zählen zu den nachhaltigsten des Films. Sie zeigen die Verwandlung eines unscheinbaren Bürgers, eines Kriegshelden, in einen kaltblütigen Attentäter, dessen wahre Motive dabei stets im Dunkeln bleiben. Eine nachträgliche Erklärung lieferte vielleicht das gescheiterte Attentat auf Ronald Reagan im Jahr 1981. Der Täter hatte „Taxi Driver“ nach eigenen Angaben rund 15 Mal gesehen und sagte aus, er habe mit der Ermordung des Präsidenten die Schauspielerin Jodie Foster beeindrucken wollen. Doch alles Training ist vergebens. Travis scheitert erneut. Und er scheitert so bemerkenswert unspektakulär, dass man sich beinahe um einen Showdown betrogen fühlt, gemessen an der Spannung, die Scorsese im Vorfeld des Attentats aufgebaut hatte. Wieder ist Travis auf der Suche nach einem Sinn, einer Aufgabe. Er wollte Betsy erobern und versagte. Er wollte Palentine ermorden und versagte. Nun will er Iris die Freiheit schenken, denn in ihr sieht er eine Leidensgenossin. Nach Betsy ist sie der zweite „reine Engel“, der ihm in dieser schmutzigen Stadt erscheint.
Travis hat seine Aufgabe gefunden: Er selbst will der große Regen sein, der den Abschaum von der Straße spült. Die Rolle, in der er sich am besten gefällt, ist die eines Märtyrers. In einem blutigen und aufwändig gedrehten Showdown erschießt der Racheengel drei Menschen, bevor er schwer verwundet von der Polizei gestellt wird. Dass Travis nach dem Ende seiner blutigen Mission als edler Retter und „Taxi Driver Hero“ gefeiert wird, ist die bittere Schlusspointe eines Films, der kein Happy End kennt. Nicht von der Hand zu weisen, ist die populäre Theorie, dass es sich bei den letzten Szenen lediglich um die Visionen eines Sterbenden handelt: Travis scheint endlich mit der Welt im Reinen zu sein; er wird gefeiert, scherzt mit seinen Kollegen und feiert sogar einen stillen Triumph über Betsy, die ihm ein bewunderndes Lächeln schenkt. Doch in Wirklichkeit ist Travis kein Held; er ist ein schwerkranker Psychopath und Scorseses Werk bleibt ein moralisch kontroverser Film ohne Sympathieträger.
„Taxi Driver“ ist das Portrait einer Stadt, die nicht mehr existiert. In den Neunzigern erlebte New York einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung, der das Stadtbild entscheidend veränderte. Mittlerweile herrscht ein beinahe flächendeckendes Rauchverbot und auf das Missachten einer roten Fußgängerampel steht eine Strafe von 50 Dollar. Nein, in das New York, wie es sich nach dem 11. September 2001 präsentiert, wäre „Taxi Driver“ nicht ohne Weiteres übertragbar. Doch bei genauerem Hinsehen ist es nur die Oberfläche, die sich gewandelt hat, und es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis die Fassade erste Risse zeigt. Der Krieg ist verloren, die Wirtschaft am Boden – und Typen wie Travis Bickle gibt es mit Sicherheit auch heute noch.
Depressive Fallstudie mit grandiosen Darstellern.
Travis Bickle: Robert De Niro
Betsy: Cybill Shepherd
Charles Palentine: Leonard Harris
Iris: Jodie Foster
Regie: Martin Scorsese | USA, 1976
Länge: 114 min | FSK: ab 16 | Buch: Paul Schrader | Kamera: Michael Chapman | Szenenbild: Charles Rosen | Schnitt: Tom Rolf, Melvin Shapiro | Musik: Bernard Herrmann | Produktion: Michael Phillips, Julia Phillips

