Splice
Handlung
„Was kann Schlimmes passieren?“, fragt die Wissenschaftlerin Elsa ihren Arbeits- und Lebenspartner Clive. Das Grauen sitzt dem Pärchen beim Liebesspiel da bereits im Nacken. Stumm beobachtet es sie in Gestalt ihres Nachwuchses Dren. Ihr Ziehkind haben die beiden Genforscher im Rahmen verbotener Forschungen heimlich im Labor geschaffen. Der (Bei)Schlaf der Vernunft gebiert Monster. Das unnatürlich schnell alternde Hybridwesen ist verstörend menschlich – und erschreckend gefährlich.
Meinung
Bekannt geworden mit dem klaustrophobischen Horrorthriller „Cube“, modernisiert Regisseur und Drehbuchautor Vincenzo Natali das Frankenstein-Motiv zu einer zwiespältigen Kritik des gentechnologischen Fortschritts. In den Grundzügen gleicht sein Science-Fiction-Horrorfilm einer sozialen Parabel, deren sehr reales Grauen den Gen-Horror übersteigt. Ein emotional unreifes Paar bekommt heimlich ein Baby, das sie von der Gesellschaft abschotten. Als die Entdeckung des Kindes droht, sperren sie das Kind in eine entlegene Baracke. Die seelische Misshandlung durch Isolation und Vernachlässigung mündet in sexuellen Missbrauch durch den Stiefvater. Als das mittlerweile erwachsene Kind nach vereinzelten Ausbruchsversuchen gewaltsam zu fliehen versucht, töten es die Eltern und verscharren es im Wald. Doch Dren ist nicht menschlich, sondern eine aus humaner DNA kreierte Chimäre. Eine Art missing link, auf den der Filmtitel anspielt, geschaffen als lebendes Depot genetischer Materialien. Natali kreiert mit „Splice“ eine filmische Chimäre aus Drama und Monsterfilm.
Mehrdeutig wie der Titel entfächert sich die Handlung. „Splice“ ist auch ein umgangssprachlicher Begriff für das Heiraten. Der wissenschaftliche Schöpfungsakt von Dren ersetzt für die Arbeitskollegen und Lebenspartner Clive und Elsa die physische Fortpflanzung. Wie eine qualvolle Geburt inszeniert Natali das Zurweltkommen Drens. Das klinische Umfeld des Labors gibt dem Schöpferpaar das Gefühl von Kontrolle. Das dies trügerisch ist, lassen bereits die Namen des Wissenschaftlerpärchens erahnen. Nicht zufällig tragen Adrien Brody und Sarah Polly in „Splice“ die Vornamen der Hauptdarsteller aus „The Bride of Frankenstein“. In James Whales bahnbrechendem Horrorklassiker von 1935 werden der größenwahnsinnige Arzt von Colin Clive, dessen weibliches Monster von Elsa Lanchester dargestellt. Im filmisches Metatext des Horrorklassikers verschmelzen Frankensteins menschliche Braut und dessen für die Kreatur erschaffene Partnerin zu einer Figur, der „Braut“ Frankensteins. „Splice“ verdoppelt diese unterschwellige charakterliche Symbiose. Die Wissenschaftlerin Elsa gewinnt zunehmend monströse Züge, wenn sie die zuvor von ihr umsorgte Dren quält und in bizarrer Kulumination des Braut-Motivs wird Dren zur Sexualpartnerin Clives. Was als vielversprechende Variation klassischer Gruselmotive im Spiegel wissenschaftlichen Fortschritts begann, mündet spätestens hier in groteske Komik, welcher die unterschwellige inzestuöse Note einen unangenehmen Beigeschmack verleiht.
Der Subtext pervertierter Familienstrukturen und sadistischer Kontrolllust bleibt nur Andeutung, deren Komplexität Natali kruden Monster-Grusel vorzieht. „Wie ein Haustier“ behandele Elsa die Kreatur, wirft Clive ihr vor. Den Begriff „Kind“ vermeidet er nicht nur auf Grund seiner inneren Hemmschwelle. Zwar gibt Elsa Dren einen Namen, Kleidung und Kinderspielzeug, doch gleicht ihre Fürsorge der eines launischen Kindes gegenüber einem Haustier, welches von seiner Ziehmutter dressiert und wie eine Puppe hergerichtet wird. Als das lebende Spielzeug das grausame Spiel nicht mehr mitmacht, kehrt sich Elsas Zuneigung in Wut. Dass ihr Sadismus elterlicher Vernachlässigung in der eigenen Kindheit entspringt, bleibt eine flüchtige Andeutung. „Splice“ ist voll solcher Details und Querverweise, von der Christus-Position Drens auf dem Labortisch bis zu Clives T-Shirt-Aufdrucken. Die nie erfüllte Erwartungshaltung, welche sie wecken, macht „Splice“ trotz interessanter Ansätze letztendlich frustrierend. Dass es Natali im Gegensatz zu „Frankenstein“- Autorin Mary Shelley, die einen rein männlichen Schöpfungsakt phantasierte, vor einer rein weiblichen Fortpflanzung graut, reicht nur zum psychologischen Kuriosum, denn zur neuen Facette der Thematik.
Der menschliche Prometheus.
Elsa: Sarah Polley
Clive: Adrien Brody
Dren: Delphine Cherneac
Gavin: Brandon McGibbon
Regie: Vincenzo Natali | USA, 2009
Länge: 108 min | FSK: ab 16 | Buch: Vincenzo Natali | Kamera: Tetsuo Nagata | Schnitt: Michele Conroy | Produktion: Steve Hoban

