Sin Nombre
Handlung
Ein Seher hat der jungen Mexikanerin Sayra prophezeit, sie werde es in die USA schaffen. Nicht in den Händen Gottes, sondern denen des Teufels. Dieser Teufel ist ein Jugendlicher: Willy, genannt El Caspar, ein Mitglied der Mara Salvatrucha. In den mexikanischen Slums ist die Bande das Gesetz. Ihre durch Tätowierungen gekennzeichneten Mitglieder erscheinen zahllos. “Ohne Zahl“ lautet eine Übersetzung des Filmtitels. Der jugendliche El Caspar hat sich schon viele der als Ehrenzeichen getragenen Tätowierungen verdient. Selbst Kinder wie El Smiley rekrutiert El Caspar als neue Mitglieder. Doch der Anführer der Mara Salvatrucha, Lil' Mago, kommt hinter die Beziehung, die El Caspar heimlich mit Martha Marlene, einem Mädchen aus einem feindlichen Bezirk, führt. Um dem Elend und der Gewalt zu entkommen, ist Sayra unterdessen mit einer Schlepperbande auf dem Weg in die Staaten. Unterwegs werden die Auswanderer von Mitgliedern der Mara Salvatrucha überfallen.
El Caspar tötet Lil' Mago, um Sayra zu retten und indirekt auch sich selbst. Nur mit einem Gewaltakt glaubt er die Gewalt beenden zu können, obwohl er weiß, dass sein Mord an Lil' Mago noch mehr Morde heraufbeschwört. Indem El Caspar Sayra hilft, wählt er ein Leben auf der Flucht vor seinen Gangmitgliedern.
Meinung
“Der Schmerz geht vorbei, aber die Mara bleibt für immer.”, sagt der Anführer der Mara. Es ist, als würde die Mara Salvatrucha den Platz des Schmerzes einnehmen. Ein Leidensfaktor wird durch einen anderen, noch größeren, ausgelöscht. Cary Joji Fukunagas Mischung aus Thriller und Sozialdrama “Sin Nombre” begleitet die verzweifelten Jugendlichen Sayra und El Caspar auf ihrer aussichtslosen Flucht vor der Gewalt. Die Allmacht der Mara wird durch die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Menschen genährt. Ihre Perspektivlosigkeit treibt El Smiley und El Caspar in die Gang, doch diesen gesellschaftlichen Faktor deutet der Film nur an. Mehr Thriller als Sozialdrama, konzentriert sich “Sin Nombre” darauf, die Abstumpfung seiner Figuren zu zeigen. Der Ehrenkodex der Gang hat die Stelle humanen Moralverständnisses eingenommen. Die Mara Salvatrucha bietet ihren Mitglieder Schutz und Aufstiegsperspektiven. Besser ein Leben als Verbrecher als gar kein Leben. Der Preis ist die Aufgabe des Selbst, vermittelt in Fukunagas Titel “Sin Nombre”. Der von der Gang jedem Mitglied verliehene Spitzname ersetzt den tatsächlichen Namen. Die Individualität löst sich in der Assimilation an die Gruppe auf. Die für kriminelle Taten verliehenen Tätowierungen der Mara Salvatrucha gelten als Ehrzeichen. Gleichzeitig brandmarken sie die Gangmitglieder, für deren Taten und als Eigentum der Bande. Um Sprache und Gestus der Mara authentisch darzustellen, ließ Regisseur Fukunaga sein Drehbuch von Mitgliedern der Gang überarbeiten. Die dynamische Kameraführung und die intensive Darstellung Paulina Gaitans in der Rolle der Sayra geben “Sin Nombre” seine Eindringlichkeit.
Für die Figuren gibt es kein Entkommen vor der Gewalt. Die USA werden als “El Norte”, der Norden, zur kaum erreichbaren Idealvision eines besseren Lebens. Für jedes gefallene Gangmitglied tritt ein Neues ein, noch jünger, noch skrupelloser. Auf dem Sundance Filmfestival wurde Fukunaga für “Sin Nombre” mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Seine Bilder zelebrieren in roher Ästhetik sanfte Momente ebenso wie Brutalität. Eine Makellosigkeit, welche den Realismus der Inszenierung mindert, statt sie zu verstärken. José Padhilas “Tropa de Elite” und Fukanagas “Sin Nombre” prägen eine als mexikanisches Pendant zum amerikanischen Thriller-Chic erscheinende Optik. Der thematische Hintergrund und die authentischen Darstellungen machen das Fluchtdrama sehenswert, doch die verstörende Kompromisslosigkeit einer Gewaltstudie fehlt ihm. So sind es die ruhigen Momente, welche im Gedächtnis bleiben. Sayra und El Caspar werden von Kindern mit Orangen beworfen, ein anderes Mal mit Steinen. Es scheint eine Vorwarnung auf die Aufnahme, welche die Flüchtenden erwartet, sollten sie “El Norte” erreichen. Ohne Pass sind sie dann auf neue Art namenlos, “Sin Nombre”.
Namenlose Wut.
Sayra: Paulina Gaitan
El Caspar: Edgar Flores
El Smiley: Kristyan Ferrer
Lil' Mago: Tenoch Huerta Mejia
Regie: Gary Joji Fukunaga | USA, Mexiko, 2009
Länge: 96 min | FSK: ab 16 | Buch: Cary Joji Fukunaga | Kamera: Adriano Goldman | Szenenbild: Claudio Contreras | Musik: Marcelo Zarvos | Schnitt: Craig McKay, Luis Carballar | Produktion: Amy Kaufman

