Shirin


Handlung

"Khosrow und Shirin" ist ein persisches Poem aus dem 12. Jahrhundert, eine tragische Liebesgeschichte, die im Iran so bekannt ist wie hierzulande Romeo und Julia. Diese Geschichte ist nur zu hören - wir sehen 113 Frauen, nacheinander und in Goßaufnahme, die sich einen (fiktiven) Historienfilm dieser Legende im Kino ansehen.

Meinung

Abbas Kiarostami, einer der ganz Großen des Weltkinos, hat schon immer Filme gemacht, die sich durch ihre Klarheit und Einfachheit auszeichneten. Von seinem ersten Langfilm "Wo ist das Haus meines Freundes" (1987), dessen ganze Handlung darin besteht, dass ein kleiner Junge das Haus seines Freundes sucht, um ihm ein Schulheft zu bringen; über den in Cannes mit der Goldenen Palme prämierten Film "Der Geschmack der Kirsche" (1997), der in Echtzeit einen Mann begleitet, der jemanden sucht, der sein eigenes Grab zuschaufeln wird; bis zu "Ten" (2004), einem Film in zehn Szenen und mit nur zwei Kameraperspektiven, der komplett in einem Auto spielt – in all diesen Filmen hat Kiarostami die Grenzen des Minimalismus ausgetestet. Mit Shirin geht er nun noch einen Schritt weiter: Die Handlung des Poems wird nur über den Ton eines Kinofilms transportiert - wobei die Kenntnis der Handlung für das iranische Publikum wohl vorausgesetzt werden kann. Wir sehen nur eine Folge von Frauengesichtern, die sich diesen Film ansehen und darauf mehr oder weniger Reaktionen zeigen.

Das Erstaunliche daran ist zunächst einmal, dass das alles zu keinem Zeitpunkt auch nur ein bisschen langweilig wird. Das mag auch daran liegen, dass die Gesichter, seien sie jünger oder älter, ausnahmslos wunderschön anzuschauen sind. Aber das ist natürlich nicht alles.
Die Emotionen auf den Gesichtern sind meist sehr klein: Eine Frau legt den Kopf schräg, die nächste kaut auf ihrem Kaugummi; zuweilen sind die Emotionen auch größer - bei einer blutigen Schlachtszene wendet sich die eine ab, beim tragischen Tod am Ende können viele ihre Tränen nicht zurückhalten. Aber es sind gerade die kleinen Regungen, die das Schauen so aufregend machen. Das Geheimnis dieser Geschichte, das Geheimnis der Liebe ist unergründbar, aber eine Ahnung davon, eine Spur findet sich auf den Gesichtern der Zuschauerinnen. Diese Konstellation erinnert ein wenig an Platons Höhlengleichnis: Die tragische Liebe wird erzählt in einem uralten Poem, von dem der Film nur ein Abbild ist, von dem wir wiederum nur das Abbild durch die Reaktionen der Zuschauerinnen sehen. Es gibt ein berühmtes Vorbild für diesen Film: "10 minutes older", ein 10-minütiger Experimental-Dokumentarfilm des Letten Herz Frank. Herz Frank filmte die Reaktionen eines Kindes beim Kasperltheater. Auch hier hören wir das Theater nur, allerdings unterstützt von avantgardistischer Musik. Kiarostamis Herangehensweise fügt dieser Idee allerdings noch etwas hinzu: Die Frauen, die wir sehen, werden alle einzeln und im Close-Up gezeigt; so stellen sie alle eine Inkarnation von Shirin dar, der tragischen Heldin des Poems. Doch Shirin erzählt das Poem rückblickend und erzählt es nicht uns, sondern einem "Chor an trauernden Frauen". Am Schluss wendet sie sich direkt an diesen Chor, so dass die Gesamtheit der Frauen, die wir als Zuschauer sehen, auf einmal diesen Chor zu repräsentieren scheint.

Und natürlich ist dieser Film auch eine Reflexion über das Kino selbst, und darüber, was Identifikation im Film bedeutet. Das, worum es im Film und letztlich in der Kunst allgemein geht, kann nicht direkt angetastet werden. Doch wenn es gebrochen und gespiegelt wird, so zeigt uns dieser Film, so mündet es in Schönheit und in tiefe Emotion. Und das ist eine Wahrheit, die sich in "Shirin" nicht intellektuell, sondern zutiefst emotional offenbart.

Bei den 113 Frauen handelt es sich um 112 iranische Laiendarstellerinnen plus Juliette Binoche. Vor kurzem hat Kiarostami mit inzwischen fast 70 Jahren seinen neuen Film "Copie conforme" abgedreht. Dabei hat er zum ersten Mal mit einem großem Budget, westlichen Darstellern, einem großen Team und außerhalb des Irans gedreht. Die Hauptrolle spielt Juliette Binoche. Wir dürfen sehr, sehr gespannt sein.

Ein außergewöhnliches Experiment.

von Logolt



Zuschauerin: Juliette Binoche

Regie: Abbas Kiarostami | Iran, 2008

Länge: 91 min | Kamera: Gelareh Kiazand | Schnitt: Abbas Kiarostami, Arash Sadeghi | Produktion: Abbas Kiarostami, Hamideh Razavi