Schande
Handlung
In einem fiktiven Krieg leben Eva und Jan Rosenberg, die früher beide im selben Orchester Musiker waren, ein eigentlich recht beschauliches Leben auf ihrem Bauernhof, wohin sie sich zurückgezogen haben. Bis zu ihnen dringt der Krieg nicht. Sie hören kein Radio und lesen keine Zeitung, und so ist Evas größte Sorge, dass sie endlich Kinder haben möchte, während Jan sich um die Reparatur der technischen Geräte des Haushalts kümmert. Doch dann kommt der Krieg auch zu ihnen: Ein Flugzeug stürzt im Wald neben ihrem Hof ab, Fallschirmspringer landen und sie müssen fliehen. Zum ersten Mal werden sie mit den Schrecken des Krieges konfrontiert: Zerstörte Häuser und Leichen über Leichen sind plötzlich allgegenwärtig. Sie wollen fliehen, doch eine zerstörte Brücke beendet ihre Flucht rasch; bald werden sie gefangen genommen. Sie werden freigelassen, doch der Preis ist hoch: Eva verkauft sich an den Leutnant Jacobi, einen alten Bekannten.
Die Dinge entwickeln sich immer fataler. Eva muss sich dem Leutnant Jacobi hingeben, der ängstliche Jan begeht den ersten und bald darauf den zweiten Mord, ihr Bauernhof brennt ab. Sie verlassen ihre Heimat und besteigen ein Boot, das sie zu einer besseren Welt bringen soll.
Meinung
"Schande" ist der mittlere Teil von Bergmans Faröer Trilogie, die er mit "Die Stunde des Wolfs" begann und mit "Passion" im folgenden Jahr abschloss. Er wagte sich mit diesem Film in ein neues Genre, das man nicht unbedingt mit Ingmar Bergman verbindet - das des Kriegsfilms. Doch auch innerhalb des Kriegsfilms bleibt Bergman sich treu, und so wirkt der Film über weite Strecken und besonders zu Anfang eher wie ein Ehedrama. Hin und wieder baut er sogar slapstickhafte Momente ein, etwa wenn der Arzt die Verhörten untersucht oder wenn Jan es nicht über sich bringt, die Hühner vor der Flucht zu erschießen. Leider wirkt diese Mischung auch nicht immer sehr glücklich, und man spürt, dass Bergman sich in den Szenen zwischen Liv Ullmann und Max von Sydow viel mehr zu Hause fühlt als in den Momenten, in denen es Bomben hagelt und Flugzeuge über das Land dröhnen. Dadurch, dass der Fokus stetig zwischen privatem und globalem Drama hin und her wechselt, wirkt die Handlung stellenweise recht holprig. In den intimen Momenten des Paares erreicht Bergman aber immer wieder die extreme Intensität, die seine besten Filme auszeichnet – etwa wenn er in einem fröhlichen Gespräch zu Beginn des Films zwischen Eva und Jan den Gegenschuss auf Sydow vermeidet und konsequent auf Liv Ullmans Gesicht bleibt, als sie ihm von ihrem Kinderwunsch erzählt.
Obwohl Bergman jeden konkreten Bezug vermeidet, um welchen Krieg es sich denn handelt – die Konfliktparteien bekommen nicht einmal Namen – so liegt der Kontext des Vietnam-Kriegs doch auf der Hand. Bergman interessiert sich dabei gar nicht für die Inhalte der Auseinandersetzung, es geht ihm um die Auswirkungen auf die "einfache Bevölkerung", die sich aus dem Konflikt am liebsten heraushalten würde. Doch das scheint nicht möglich zu sein – so sehr sie den Krieg auch vermeiden wollen, immer tiefer werden Jan und Eva in die Auseinandersetzung hineingezogen. Auch der Opportunismus, immer zu der siegreichen Seite zu halten, ist keine Lösung, wie der Chefredakteur der Lokalzeitung lernen muss, der seine verfrühte freudige Meldung, dass der Feind erfolgreich gelandet ist, mit seinem Leben bezahlen muss. So entfremden Eva und Jan sich immer mehr voneinander, da sie keinen Weg finden, die durch den Krieg erlittenen Wunden zu verarbeiten.
Seinen intensivsten Moment findet der Film ganz am Ende: Eva und Jan lassen alles hinter sich und suchen mit einigen anderen Flüchtlingen ihr Glück auf einem Ruderboot, das einem fernen Ufer ohne Krieg entgegenfährt. In einer langen Sequenz ohne Dialog treibt das Boot Tag und Nacht träge durch das Wasser, bis eine Stelle auf offenem Meer passiert wird, in der Leichenberge auf dem Wasser umherschwimmen. Nur von Wassergeräuschen untermalt schafft Bergman eine erschütternde Szene, in der das ganze Grauen eines Krieges spürbar wird.
Bergmans Kriegsfilm.
Eva Rosenberg: Liv Ullmann
Jan Rosenberg: Max von Sydow
Filip: Sigge Fürst
Col. Jacobi: Gunnar Björnstrand
Mrs. Jacobi: Birgitta Valberg
Lobelius: Hans Alfredson
Oswald: Ingvar Kjellson
Regie: Ingmar Bergman | Schweden, 1968
Länge: 103 min | FSK: ab 16 | Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Sven Nykvist | Szenenbild: P.A. Lundgren | Schnitt: Ulla Ryghe | Produktion: Lars-Owe Carlberg

