Rescue Dawn


Handlung

Der deutschstämmige Navy-Kampfpilot Dieter Dengler ist 1965 während des Vietnam-Krieges mit seiner Einheit am Golf von Tonkin stationiert, um eine streng geheime Mission über Laos zu fliegen. Doch Dieter wird unmittelbar zu Beginn des Manövers getroffen und stürzt im unwirtlichen Dschungel ab, wo er schnell in die Hände des Vietcong gerät. Nach der Folter kommt Dieter in ein Gefangenenlager tief im Dschungel, wo er Duane, Gene und andere Mithäftlinge trifft, die sich schon seit mehreren Jahren in Gefangenschaft befinden und sich in dement-sprechender körperlicher und moralischer Verfassung befinden. Der zu allem entschlossene Dieter kann das Vertrauen seiner Leidensgenossen gewinnen und will sie in die Freiheit führen – doch in der Gruppe mehren sich die Unstimmigkeiten, ob des riskanten Fluchtplans - und die Freiheit führt nur durch den mörderischen, trockenen Dschungel.

Meinung

Werner Herzog hatte das Projekt „Rescue Dawn“ schon seit seiner Dokumentation über den real existierenden Dieter Dengler „Little Dieter Needs To Fly“ als Spielfilm basierend auf Denglers Erfahrungsbericht im Kopf und hat sein Werk damit abgeschlossen. Der Autorenfilmer Herzog in Hollywood mit Batman-Darsteller Christian Bale? Viele Herzog-Fans haben Schlimmstes befürchtet, als sie hörten, dass sich der Visionär des Arthouse-Kinos schlechthin mit den großen Studiobossen arrangierte – man müsste glattgebügelte Hollywood-Kriegsaction erwarten, wenn es denn in den Kassen klingeln sollte. Diese Sorge sollte sich als unberechtigt herausstellen - „Rescue Dawn“ ist ein kompromissloser Werner-Herzog-Film, der kein Gedanken daran verschwendet, auf Bewährtes zu bauen. Der Film ist einerseits mainstreamtauglich, allerdings weit davon entfernt den üblichen Genre-konventionen zu folgen. Keine Szene über die gesamte Spielfilmlänge – abgesehen vielleicht vom Ende – könnte man so oder in ähnlicher Weise in anderen Filmen wiederfinden.

Sowohl technisch, als auch von den Motiven ist Herzog ganz Herzog geblieben. Da wäre zunächst die raue, spröde Optik, die man schon aus „Aguirre – Der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ kennt, als adäquates Mittel den Horror des Dschungels abseits jeglicher menschlicher Zivilisation einzufangen. Nach wie vor hält Herzog an seinem Dogma fest, das er schon für „Aguirre“ formuliert hat: Keine Studioaufnahmen, keine bildtechnische Aufpolierung. Über dieses ungewohnte Filmerlebnis sagte Herzog einst, dass er die Natur nicht ausbeuten wolle, denn „das machen Postkarten“ - er romantisiert den Dschungel nicht, sondern stellt ihn als die mörderische Hölle dar, die er für den Menschen ist. Kaum hat das Bombardement angefangen, wird Dieters Flieger auch schon getroffen, er muss rechtzeitig abspringen und vor verfolgenden Vietcongs in den Dschungel fliehen, wo er schnell gefasst wird. Im Lager trifft er auf abgemagerte, hoffnungslose Gestalten, die keinen Gedanken daran verschwenden, zu fliehen – denn sie wissen: Der Dschungel ist das Gefängnis. Die spätere Flucht Dieters soll dementsprechend ein Höllentrip nahe des psychischen Fallouts werden. Genau das ist die Art von Charakter, die Werner Herzog interessiert, den er in Dieter Dengler gefunden hat.

Dengler hat den Traum zu fliegen, seit sein Heimatdorf im 2. Weltkrieg von alliierten Kampffliegern bombardiert wurde. Amerika habe ihm diesen Traum ermöglicht, aus diesem Grund liebe er sein Land, weswegen er keine Propagandabriefe der Nordvietnamesen unterzeichnet, die ihm für seine Unterschrift die Freiheit versprechen. Dieter ist ein moralisch denkender, erfahrener Soldat mit einem hohen Ehrgefühl – und einem unbändigen Drang zur Freiheit, der es ihm keine Sekunde, nicht unter schlimmster Folter, gestattet, die Hoffnung zu verlieren, zurück in die Freiheit zu finden. Herzog sagt in einem Interview selbst, dass er Dieters Bericht für glaubwürdig halte – bis auf eine Sache: Nach Herzogs Meinung verteidigt Dengler seine Mitinsassen, mit denen er in einer Bambushütte jede Nacht an einen Holzkeil gefesselt war. Herzog gibt eine eigene Interpretation vom Miteinanderleben unter Extrembedingungen: Der völlig abgemagerte Gene traut Dieter nicht über den Weg, er will warten, bis er von selbst freigelassen wird und keinen riskanten Fluchtversuch wagen. Für Dieter ist es indiskutabel, nichts zu unternehmen, aber er braucht Gene mit im Boot für seinen Fluchtplan. Eine tiefe Freundschaft entwickelt Dieter zu dem entkräfteten und an Durchfall leidenden Duane. Von der Konstellation des gegenseitigen Vertrauens soll später der Erfolg des Fluchtplans abhängen.


Dementsprechend schlägt der ursprüngliche Fluchtplan fehl, da Gene seine Aufgabe, die Wärter einzukesseln, nicht erfüllt und stattdessen lieber Kleidung und Ausrüstungsgegenstände besorgt. Die Häftlinge müssen in den Dschungel fliehen, wo sich die Wege von Gene und Dieter trennen. Am Ende überlebt nur Dieter, der sich durch den Dschungel schlägt, bis ihn endlich ein amerikanischer Hubschrauber entdeckt.


„Rescue Dawn“ ist ein grandioses Gefangenendrama im Vietnamkrieg, von dem nach „Apocalypse Now“, „Platoon“ und „Full Metal Jacket“ schon alle Meisterwerke gedreht worden schienen. Herzog fügt diesem Kanon ein weiteres Meisterwerk hinzu, das durch die starke Atmosphäre das Erleben von Gefangenschaft und Krieg geradezu elektrisierend realistisch auf die Leinwand bringt. Der große deutsche Regisseur, der im eigenen Land nach wie vor wenig in den Kinos gespielt wird, hat gezeigt, dass er noch längst nicht am Ende seiner Schaffenskraft – im Gegenteil auf dem höchsten Stand seines Handwerks ist.

Höllisch realistischer Dschungel-Trip.

von Niklas Anzinger



Dieter: Christian Bale
Duane: Steve Zahn
Gene: Jeremy Davies

Phisit: Abhijati 'Meuk' Jusakul
Procet: Lek Chaiyan Chunsuttiwat
Y.C.: Galen Yuen

Regie: Werner Herzog | USA, 2006

Länge: 126 min | FSK: ab 12 | Buch: Werner Herzog | Kamera: Peter Zeitlinger | Schnitt: Joe Bini | Produktion: Harry Knapp, Steve Marlton, Elton Brand