Postcard to Daddy


Handlung

„Am nächsten Tag saß ich in der Schule und wusste: Da ist doch irgendwas Schlimmes passiert.“, erinnert sich Michael Stock. Das Schlimme, was er als Kind in den achtziger Jahren im Haus seiner Eltern ertragen musste, sollte den heute in Berlin lebenden Filmemacher nie wieder los lassen. Acht Jahre war er alt, als der sexuelle Missbrauch durch seinen Vater begann. Als die physischen und psychischen Misshandlungen in einer gewalttätigen Auseinandersetzung eskalierten, floh Stock als 16-Jähriger zu seiner Mutter. Seelisch litt er weiter unter dem Missbrauch. „Postcard to Daddy“ ist das Zeugnis seines Entschlusses, sich, seine Mutter und seine beiden Geschwister mit der verdrängten Seite der Familiengeschichte zu konfrontieren. 25 Jahre später blickt der Regisseur in seinem Dokumentarfilm zurück auf den Einfluss, welchen seine Kindheitserlebnisse auf seinen Lebensweg hatten. Vor allem aber ist Stocks „Postcard to Daddy“ eine filmische Nachricht an seinen Vater.


Seinen Verbrechen und seinem Sohn soll er sich stellen und vor der Kamera Stellung nehmen.


Meinung

„Meine ganze Kindheit hat das mich beschäftigt, meine ganze Jugend, mein ganzes Leben.“, rekapituliert Stock in „Postcard to Daddy“. Der zwischen Selbstporträt und Familienbiografie oszillierende Dokumentarfilm ist seine intime Aufarbeitung des jahrelangen sexuellen Missbrauchs durch seinen Vater Roland. „Postcard to Daddy“ wirkt irritierend, manchmal fast verstörend, jedoch nur bedingt auf Grund seiner Thematik. So bedrückend diese Tatsache ist, vermag die Thematisierung sexuellen Missbrauchs allein ob dessen Häufigkeit kaum zu schockieren. Vielmehr ist es der versöhnliche Ton, welchen der Regisseur in seiner eindringlichen Dokumentation anschlägt. Er habe seinen Vater „an die Hand genommen und einen Spaziergang in die Vergangenheit gemacht“, umschreibt der Regisseur seine Grundhaltung. Ein Respekt gebietender Entschluss, der manchmal schwer zu akzeptieren ist, besonders, da die Umstände des Missbrauchs und die Reaktionen der Familienmitglieder beinahe emblematisch erscheinen. Weder die Mutter noch die älteren Geschwister wollen die Geschehnisse bemerkt haben. Doch war der Alkoholismus des Vaters tatsächlich der einzige Grund, dass Stocks Bruder und Schwester sich systematisch vom Vater zurückzogen? Die Schwester spricht mit verständlichem Abscheu von Roland, von dem sie ihre Kinder fernhält, und sagt dennoch dem kleinen Bruder: „Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, dass Roland dir das angetan hat.“

Der kleine Junge von einst erscheint nur flüchtig auf wenigen Fotografien. In der gleich einer Leerstelle in dem Charakterporträt klaffenden Abwesenheit liegt die verborgene Tragik des Dokumentarfilms. Stocks Kindheit endete früh und grausam, sein Erwachsenenalter prägten lange Exzesse und Selbstzerstörung. Diese latente Autoaggression thematisiert „Postcard to Daddy“ ebenso offen wie den Missbrauch. Auch die Mutter berichtet, nichts gewusst zu haben. Trotz Situationen von grotesker Tragik, in denen sich ihr Kind nachts unter dem elterlichen Ehebett verstecken musste, um nicht mit dem Vater überrascht zu werden. Seiner Mutter widmet Stock die ausführlichsten Interviews, beobachtet sie liebevoll und dankbar während eines gemeinsamen Urlaubs in Thailand. Auch sie war früher oft abwesend, engagierte sich sozial und politisch. Es scheint, als hätten damals alle Stock allein gelassen. Warum, diese quälende Frage stellt der Regisseur nicht. Unbewusst, so meint man in manchen Szenen, sucht er die Schuld weiterhin bei sich. Selbst die lapidaren Worte seines Vaters, in ihm sei in den seit seinem Verbrechen vergangenen Jahren „nicht fürchterlich viel vorgegangen“ erträgt Stock. Hilflose Wut verursacht „Postcard to Daddy“ in solchen Momenten, die dennoch ein oft ausgeblendeter Teil der Realität für die Betroffenen sind. „Das Opfer wird vom Täter zum Täter gemacht.“, sagt Stocks Mutter bedrückend treffend. Ob er aus der Opferrolle herausgefunden habe, fragt der Sohn sie in einer Szene. Die Antwort, welche die persönliche und beklemmende „Postcard to Daddy“ erahnen lässt, ist womöglich der tragischste Aspekt des um Hoffnung bemühten Werks.

Postcards from the Edge.

von Lida Bach



Regie: Michael Stock | Deutschland, 2010

Länge: 86 min | FSK: ab 12 | Buch: Michael Stock | Kamera: Michael Stock, Guido Diek | Musik: Michael Stock, Josef Tieks, Craig Urquhart | Schnitt: Michael Stock, Robert Quante, Till Kostinen | Produktion: Hubert Schaefer