Porgy and me


Handlung

„Es ist nicht mein wirkliches Leben. Aber manchmal fühlt es sich so real an, wenn man es lebt.“ Für den Opernsänger Terry Lee Cook ist seine Rolle fast zu einem Alter Ego geworden. Seit zwanzig Jahren verkörpert der farbige Künstler den Porgy in George Gershwins „Porgy & Bess“. Susanne Boehms Dokumentation „Porgy & Me“ begleitet ihn und die anderen Mitglieder des New York Gospel Theaters auf ihrer Tournee mit der tragischen Oper „Porgy und Bess“. Seit Jahrzehnten sind einige der Künstler mit dem Stück unterwegs. In „Porgy & Me“ gewähren die Künstler Einblick in ihre vom Kampf gegen Armut, Diskriminierung und Vorurteile geprägte Laufbahn. Während sich dezent im Hintergrund das Bühnendrama entfaltet, öffnen sich die Künstler vor der Kamera, erzählen von Selbstzweifeln, Ängsten und der besonderen Bedeutung, welche Musik für sie hat. Doch wie Gershwins Oper erzählt „Porgy & Me“ eine Geschichte des Aufbruchs. Im Kreis der Darsteller und ihrer Kunst findet der Sänger Unterstützung und Rückhalt. „Porgy & Me“ klingt auf der Bühne und der Leinwand mit einer hoffnungsvollen Note aus.

Meinung

Der Alltag des Ensembles steht im Kontrast zu populären Vorstellungen über das kapriziöse Luxusleben von Diven und Star-Tenören. In einem kleinen Tourbus reisen die afroamerikanischen Künstler des New York Harlem Gospel Theaters von einer Stadt zur nächsten. Sie nächtigen im Bus, üben ihre Rollen während der Fahrt, steigen in einfachen Hotels ab. Familienleben und Partnerschaften sind für die Darsteller aufgrund ihres rastlosen Berufsalltags problematisch. Neben den beruflichen Strapazen ist das Leben der Opernsänger geprägt von persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierung. Die Opernbühne wird von Weißen dominiert, die bessere Gehälter und Rollenangebote erhalten. „Ein Weißer wird nie verstehen, was es bedeutet, schwarz zu sein.“, sagt Alteouis Devaughn, Mitglied der Truppe. „Raus aus der Box.“, benennt ein anderer das persönliche Ziel, welches er mit vielen seiner Kollegen teilt. Die „Box“ ist der von der Familie vorgegebene soziale Rahmen, aber auch das gesellschaftliche Gefängnis, gemauert von rassistischen und sozialen Vorurteilen. „Porgy & Bess“ war nicht nur die erste Oper, welche im farbigen Milieu spielte. Bis heute ist das ergreifende Werk die einzige Oper, für welche ausschließlich schwarze Sänger vorgesehen sind. In seinen Bühnenanweisungen legt der Komponist explizit fest, dass nur Schwarze die Figuren singen dürfen. Viele farbige Opernsänger scheuen gerade deshalb davor zurück, in der Oper aufzutreten. Mit „Porgy & Bess“ haben sich Afro-Amerikaner eine Nische in der Bühnenwelt erkämpft. Eine Nische, die auch zum Gefängnis werden kann.

Was auf den ersten Blick als Emanzipation der afroamerikanischen Bevölkerung erscheint, das Behaupten eines nur ihnen zugänglichen künstlerischen Raums, entpuppt sich mit Hinblick auf die Unterbewertung der Oper „Porgy und Bess“ als verkappte Diskriminierung. Obwohl „Porgy und Bess“ strukturell und musikalisch der Oper zugehört, wird das Werk noch immer von der breiten Öffentlichkeit als besseres Musical abgetan. Nur in einer Oper, die „keine richtige“ Oper ist, könnten Schwarze glänzen. Während farbige Darsteller bei der Besetzung klassischer Rollen übergangen werden, weil die Charaktere als „weiß“ vorgesehen seien, werden selbst schwarze Figuren wie „Othello“ selten mit farbigen Sängern besetzt. Gershwins Oper ist seit ihrer Uraufführung 1935 umstritten aufgrund der in darin über das farbige Milieu transportierten negativen Stereotypen. Das Armenviertel „Skid Row“, in welchem das Stück spielt, ist geprägt von Drogen und Gewalt. Doch die Leiden und Sehnsüchte der Charaktere sind universeller Natur. Als „einen armen behinderten Bettler, der versucht, seine große Liebe zu behalten, während er gegen die Drogen in seinem Umfeld ankämpft“, beschreibt Lee Cook seine Bühnenfigur des Porgys. Ein sozialer Hintergrund, der dem vieler Ensemblemitglieder erschreckend ähnlich ist. Umso bewundernswerter sind ihr Lebensmut und ihr künstlerisches Engagement. „Porgy & Me“ fängt den Geist der Oper und der Menschen, welche sie zum Leben erwecken, in dynamischen Bilder ein, unterlegt mit Gershwins ergreifender Musik. Lee Cook nennt es: „Nacht für Nacht, eine unendliche Reise.“ Ein Augenblick lang begleitet sie dabei „Porgy & Me“.

Eine Geschichte des Aufbruchs.

von Lida Bach



Regie: Susanne Boehm | Deutschland, 2009

Länge: 86 min | FSK: ab 6 | Buch: Susanne Boehm | Kamera: Philipp Tornau | Musik: Bela Brauckmann, Gunter Papperitz | Schnitt: George Cragg | Produktion: Thoms Grube, Uwe Dierks, Marc Wächter