Please Give


Handlung

Es kann der Frömmste nicht in Frieden sterben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Das New Yorker Pärchen Kate und Alex kauft die Einrichtungsgegenstände kürzlich Verstorbener billig von deren ahnungslosen Verwandten auf, um sie in ihrem Designergeschäft teuer zu verkaufen. Nun haben es die beiden auf das Apartment ihrer greisen Nachbarin Andra abgesehen, in das sie ihre eigenen Wohnung erweitern wollen. Um sich die Wohnung zu sichern, freunden sich Kate und Alex mit Andras erwachsenen Enkeltöchtern Mary und Rebecca an. Doch Kate plagen zunehmend Gewissenskonflikte auf Grund ihres materiellen Opportunismus. Der in der mehr geschäftlichen als leidenschaftlichen Beziehung mit seiner Ehefrau gelangweilte Alex beginnt unterdessen eine heimliche Affäre mit der frustrierten Mary. Während ihre jugendliche Tochter unter ihrer Unattraktivität leidet, kompensiert Kate ihre Selbstzweifel mit herablassender Mildtätigkeit. Mal mehr mal weniger freudig warten nicht nur Alex und Kate sondern auch die Enkellinnen auf Andras Tod.

Meinung

Letztes gilt nicht nur für die Protagonisten. Zwar ist die mit trockenem Witz von Ann Marie Guibert gespielte Seniorin der einzig erträgliche Charakter in dem uninteressanten Figurenensemble der amerikanischen Regisseurin Nicole Holofcener, doch da ihr Filmtod auch den Schluss ankündigt, überwiegen die praktischen Erwägungen. Ihren von den typischen Pappschildern amerikanischer Obdachloser entliehenen Titel „Please Give“ hat die Komödie in weiser Voraussicht gewählt: Bitte spenden! Eine interessante Handlung, interessante Charaktere, Humor, Hintergründigkeit ... Irgendetwas, das die pseudo-tragische Sozialkomödie aus dem Sumpf der Bedeutungslosigkeit rettet. Den eiskalten Materialismus des modernen Großstadtlebens möchte „Please Give“ kritisieren. Stattdessen umarmt Nicole Holofcener Heuchelei und Frömmelei. Der Alt-Nazi aus der Nebenwohnung, der alle Nachbarn terrorisiert hat, ist verstorben? Tante Tilly ist verreckt, kurz nachdem sie einen enterbt hat? Wer angesichts solch wenig betrüblicher Todesfälle nicht tiefe Betroffenheit vorspielt, ist ein gefühlloser Egoist, glaubt Holofcener. Dramatisch findet die Regisseurin mangelnde Anteilnahme jedoch lediglich, weil sie gegen den guten Ton verstößt. Wer nicht trauert, soll sich gefälligst die Mühe machen, anstandshalber falsche Tränen zu heulen. Immer schön die Form wahren!

Das * hinter dem Filmtitel bezeichnet die Wettbewerbs-Sektion „außer Konkurrenz“. Wer immer diese Sektion begründete, kam offensichtlich nie auf den Gedanken, dass jeder Wettbewerb eine Art von Konkurrenz ist. Und in der Konkurrenz "außer Konkurrenz" läuft meist jene massentaugliche Unterhaltungsware, der man nicht einmal einen ausrangierten Plüschbären verleihen würde. “Please Give“ passt perfekt in diese Kategorie.

„Wenn es dich so fertig macht, warum tust du es dann?“, fragt Alex Kate, als sie sich bei ihm über die emotionale Belastung durch ihre Arbeit beklagt. Eine schlüssige Antwort darauf gibt die Handlung nicht. Kate ist die Quintessenz einer heuchlerischen Puritanerin. Dass Holofcener sie dennoch als Sympathieträgerin aufbaut, wirft ein verräterisches Licht auf die verkappte Doppelmoral ihrer Komödie. Unterschwellig konkurriert die alternde Kate mit ihrer 15-jährigen Tochter. Abbys Unattracktivität streitet Kate ab, nicht aus Zartgefühl, sondern aus Angst, Abby könne ihre optischen Mängel ausgleichen und hübscher als Kate sein. Sich selbst kleidet Kate in Designerkleidung, ihrer Tochter verbietet sie dergleichen. Geld gibt Kate nur für sich aus. Ihr scheinbar großzügiges Spenden ist verkappter Egoismus: Kate spendet, um ihr Gewissen zu beruhigen. Zu sozialem Engagement ist sie unfähig. Zu groß ist der Abscheu der Elendstouristin vor Behinderten, Obdachlosen und alten Menschen. Bettlern nähert sie sich mit der Mischung aus Neugier und Ekel, mit der Kinder überfahrene Tierkörpern umdrehen. Echt widerlich und ich hab's sogar angefasst! Dabei lebt Kate selbst vom Ausrangierten anderer, indem sie es überteuert weiterverkauft. Dass Mary ihre Abneigung gegenüber ihrer Großmutter offen zugibt und an deren Todestag arbeitet, stellt Holfcener als zutiefst gefühllos dar. Kates geheuchelte Anteilnahme beim Abschluss ihrer Geschäfte mit Hinterbliebenen wird hingegen als angemessen inszeniert.

„Please Give“ bot die wohl unappetitlichste Szene der 60. Berlinale: Mammographien in Großaufnahme. Das prüde amerikanische Publikum schockieren nackte Brüste aller Altersstufen vielleicht. Hier erinnert es bestenfalls dunkel daran, dass man noch nie bei der Vorsorgeuntersuchung war. Wozu auch, fragt man sich nach „Please Give“. „Die Räume gehörten mal zu einer aufgeteilten Etagenwohnung.“, bemerkte ein Handwerker kürzlich über das eigene Einzimmer-Quartier. Warum den eigenen Tod durch unnötige Vorkehrungen verzögern? Die Nachbarn warten sicher schon auf den großen Durchbruch.

Kleine Geschäft mit dem Tod.

von Lida Bach



Kate: Catherine Keener
Alex: Oliver Platt
Andra : Ann Marie Guilbert

Mary: Amanda Peet
Rebecca: Rebecca Hall

Regie: Nicole Holofcener | USA, 2009

Länge: 90 min | FSK: ab 6 | Buch: Nicole Holfcener | Kamera: Yaron Orbach | Schnitt: Robert Frazen | Musik: Marcelo Zarvos | Produktion: Anthony Bregman