Pippa Lee


Handlung

Pippa Lees Leben war perfekt, bis der Schokoladenkuchen kam. Mit dem findet Hausfrau Pippa eines Morgens die makellose Wohnung in einer vornehmen Seniorensiedlung verschmiert, in welche sie und ihr weit älterer Ehemann Herb gezogen sind. Doch nicht Herb, den Pippa der Senilität verdächtigt, stört das eintönige Idyll mit nächtlichen Verwüstungsaktionen. Sie selbst, „Ikone einer Künstlergattin“, wie sie ein Freund nennt, schlafwandelt plötzlich. Die Ereignisse wecken in Pippa Erinnerungen an ihre ungestüme Jugendzeit und ihre tablettenabhängige Mutter Suky. Pippas altes Temperament bricht wieder hervor. Mehr als zu Herb zieht es die veränderte Hausfrau zu dem jüngeren Nachbarn Chris. Sie muss sich den unterdrückten Impulsen aus ihrer Vergangenheit stellen – und ihren zukünftigen Lebensweg wählen.

Meinung

Jeder Mensch führe mehrere Leben, behauptet Pippa zu Beginn. Im Rahmen des populären Unterhaltungsgenres, wo fast jeder eine geheime Doppelexistenz als Agent, Serienkiller oder Superheld hat, eine zutreffende Beobachtung. Mit dieser spannenden Art von Leben haben „The private Lives of Pippa Lee“ allerdings nichts zu tun. Sie bezeichnen lediglich unterschiedliche Abschnitte der amerikanischen Mittel- und Oberschichtsexistenz. Zuerst ist Pippa Kind, dann junge Frau, dann ältere Frau. Das klingt nicht nur ermüdend gewöhnlich, sondern ist es auch. Markanter als die unterschiedlichen Facetten von Pippas Leben ist ihr Selbstbetrug und ihr lange erfolgreicher Versuch, sich eine Existenz schön zu reden, welche sie im Grunde langweilt. „The private Lies of Pippa Lee“ wäre ein passenderer Filmtitel gewesen. Selbsttäuschung grassiert in der äußerlich heilen Vorstadtwelt gleich einer Epidemie. Pippas speckiger Sohn hängt so oft bei den Eltern herum, dass er dort zu wohnen scheint, ihre Bekannte versucht sich mit einer lieblosen Ehe abzufinden und tröstet sich mit einer Affäre. Letzte führt sie ausgerechnet mit Herb, der sich von der Fürsorge seiner perfekten Ehefrau erstickt fühlt. Vorgebliche Rebellen geben die schlimmsten Konservativen. Doch der zynischen Moral ihrer Geschichte verweigert sich Miller. Eine Bohemien soll Pippa gewesen sein, weil sie am Strand Räder schlägt und ein rosa Top mit Animal-Print trägt. „So wie du angezogen bist, musst du eine Künstlerin sein!“, glaubt ein Bekannter Herbs. Wer so über die brave Pippa denkt, vermutet das gleiche wohl auch von Prinzessin Lillifee.

Unfreiwillig verrät Millers Inszenierung von Pippas wilder Zeit mehr über amerikanisches Spießbürgertum als die Haupthandlung. Übereilig wird der Kurzaufenthalt der jungen Hauptfigur bei deren lesbischer Tante abgehandelt. Zwei Küsse, bunte Pillen und eine nächtliche Großstadt sollen die Zuschauerfantasie bezüglich Pippas Ausschweifungen anregen, wirken in ihrer Klischeelastigkeit jedoch abstumpfend. Pippa bleibt das artige Mädchen, das nach ein paar Alcopops und ein bisschen Rumknutschen zurück in die soziale Sicherheit der Elite flüchtet: „It wasn´t the money. It was just that the money made everything seem alright.“, rechtfertigt Pippa ihr Heimischwerden in der Bourgeoisie. Das Schicksal des in der Seniorenwohnanlage frustrierten Verlegers Herb scheint tragischer als Pippas. Während sie das Vegetieren in glückseliger Langeweile bewusst gewählt hat, ist er unabsichtlich hineingeraten. Ironischerweise durch seine Heirat mit der einst lebenslustigen Pippa.


Herb trifft ob der nervtötenden vorstädtischen Enge im wörtlichen Sinne der Schlag, dem er gen Filmende erliegt. Bahn frei für Pippa, wie eine abgeschmackte Trickfilmfantasie signalisiert. Possierlich wie Pippas zweiter Frühling wirken die vermeintlichen Sünden ihrer Mutter Suky: Running to the shelter of mother´s little helper. Der Stones-Song scheint Jahrzehnte später auch die Tochter zu inspirieren: „What a drag it is getting old“. Nachdem der Ehemann tot, die Kinder erwachsen und Pippas häusliche Perfektion überflüssig ist, wagt sie einen Ausbruch, der angesichts der genannten Umstände keiner mehr ist. "I´m not driving off in the sunshine.“, beschwichtigt sie ihren irritierten Sohn - steigt ins Auto und düst abgesichert von Herbs Erbe mit sexy Keanu Reeves als jüngeren Liebhaber in ein weiteres der „private Lives of Pippa Lee“. Wie dieses Leben aussieht, hat die in Selbstbetrug und Selbstinszenierung geübte Pippa sicher schon geplant.


„Highbrow for lowbrows, lowbrow for highbrows“ beschreibt Herb in einer Szene ein Buch. Ein treffender Kommentar für das Niveau des Films. Erträglich ist „Pippa Lee“ allein dank der herausragenden Besetzung, von Winona Ryder als weinerlicher Nachbarin bis zu Alan Arkin als Ehemann, welche die Romanverfilmung unterhaltsamer macht, als es die papierdünne Handlung verdient.

Man lebt nicht nur einmal.

von Lida Bach



Pippa Lee: Robin Wright-Penn
Herb Lee: Alan Arkin
Suky: Maria Bello

Chris: Keanu Reeves
Pippa (jung): Blake Lively

Regie: Rebecca Miller | USA, 2008

Länge: 98 min | FSK: ab 6 | Buch: Rebecca Miller | Kamera: Declan Quinn | Szenenbild: Michael Shaw | Schnitt: Sabine Hoffman | Produktion: Rebecca Miller, Lemore Syvan