Passion
Handlung
Anna Fromm hat sich nach einem Autounfall, bei dem ihr Mann und ihr Sohn getötet wurden, auf eine einsame Insel zurückgezogen. Dort begegnet sie dem Einzelgänger und ehemaligen Sträfling Andreas Winkelman. Andreas hat eine kurze Affäre mit Annas Freundin Eva, die unglücklich mit Elis verheiratet ist. Doch dann beginnt er eine Beziehung mit Anna.
Die beiden kommen eigentlich gut miteinander aus, doch weder sie noch er können die Wunden ihres früheren Lebens vergessen, woran die Beziehung schließlich schmerzhaft zugrunde geht.
Meinung
"Passion" bildet den letzten Teil von Bergmans "Farö-Trilogie", die er mit "Die Stunde des Wolfes" und "Schande" begonnen hatte. Es ist nach "Ach diese Frauen" sein zweiter Farbfilm und der erste "schwere" Stoff, den er in Farbe drehte. Für einen Bergman-Film wirkt "Passion" erstaunlich offen. Neben der Haupthandlung gibt es noch eine Nebenhandlung, in der ein einsamer alter Mann verdächtigt wird, regelmäßig Tiere auf der Insel qualvoll umzubringen. Nachdem zwei Männer ihn verprügeln, nimmt er sich das Leben; wer der wahre Tiermörder war, wird nicht aufgeklärt. Auch das Ende der Haupthandlung wirkt seltsam abrupt, und die Figur von Erland Josephson wird gegen Ende mehr oder weniger liegengelassen. Diese Offenheit hat aber auch durchaus seinen Reiz. Der Anfang und mehrere Zeitsprünge werden von Bergman selbst aus dem Off kommentiert. Außerdem bekommt jede der vier Hauptfiguren einen kurzen Auftritt, in denen der Schauspieler über seine Figur spricht (ein Kunstgriff, den sich beispielsweise auch Lars von Trier in "Idioten" abgeschaut hat).
Ganz typisch für Bergman sind dagegen die Konflikte, mit denen die Figuren zu kämpfen haben. Sie ringen allesamt mit sich selbst und ihren Lebensumständen, aus denen sie auszubrechen versuchen. Immer wieder erleben sie kurze glückliche Momente, nur um kurz darauf in umso größere Verzweiflung und Depression gestürzt zu werden. Ganz im Einklang mit den über ihre Figuren sprechenden Schauspielern wendet Bergman immer wieder eine Taktik an, die er später in "Szenen einer Ehe" vervollkommnen wird: Die Figuren durchschauen ihr Schicksal, sie verstehen von ihren Problemen in der Regel viel mehr als der Zuschauer; doch dieses Wissen hilft ihnen nicht, glücklicher zu werden. Im Gegenteil, sie analysieren sich gegenseitig, sie zerfleischen sich geradezu, bis der einzige Weg, weiterzuleben, der Weg in die Einsamkeit zu sein scheint. Das macht ihr Schicksal noch viel tragischer. In diesen langen Gesprächen, in denen sich die Figuren immer mehr hinterfragen, wird auch die außerordentliche Dialogkunst sichtbar, welche teilweise fast improvisiert erscheint, bei der aber kein Wort zuviel gesagt wird.
So schafft Bergman trotz mehrerer loser Enden ein Figurengeflecht, das ungemein komplex und vielschichtig ist. Die vier Hauptfiguren drehen und wenden ihr Schicksal unermüdlich hin und her, sie wehren sich gegen die Trauer, aber sie finden keinen Ausweg. Mit seinen Figuren hat Bergman keine Gnade.
Verstörendes Kammerspiel.
Andreas Winkelman: Max von Sydow
Anna Fromm: Liv Ullmann
Eva Vergerus: Bibi Andersson
Elis Vergerus: Erland Josephson
Johan Andersson: Erik Hell
Verner: Sigge Fürst
Erzähler: Ingmar Bergman
Regie: Ingmar Bergman | Schweden, 1969
Länge: 101 min | FSK: ab 12 | Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Sven Nykvist | Szenenbild: P.A. Lundgren | Schnitt: Siv Lundgren | Produktion: Lars-Owe Carlberg

