Oskar und die Dame in Rosa
Handlung
Frech wie Oskar ist der 10-Jährige mit der Wollmütze, der genauso heißt. Nur die ganz in Rosa gekleidete Pizza-Lieferantin Rose schimpft, als sie über den Patienten einer Kinderklinik stolpert. Doktor Dusseldorf und die Oberschwester Gommette sind nachsichtig mit Oskar, dessen Krebsleiden unheilbar ist. Als Oskar die traurige Botschaft des Doktors an seine Eltern hört, vergeht ihm das Lachen. Ausgerechnet die Dame in Rosa kann ihn aufheitern. Mit Anekdoten über ihre Ringkämpfe als Catcherin und ihrem ungeschliffenen Temperament weckt Rose im doppelten Sinne seine Lebensgeister. Entschlossen, seine letzten Tage voll auszukosten, beginnt Oskar Briefe an Gott zu schreiben.
Darin schildert Oskar seine Zukunft mit seiner kleinen Mitpatientin Peggy Blue, in die er heimlich verliebt ist. Erwachsenwerden, Familienleben und Alter erlebt Oskar im Zeitraffer. Doch mit seinem fantasierten Leben neigt sich auch sein reales dem Ende zu.
Meinung
„Ich hasse alles, was nach Liebe, Liebenswürdigkeiten und Gefühl klingt. Davon wird mir schlecht.“, sagt Rose in Eric-Emmanuel Schmitts Kinderfilm. Verständlich angesichts des heuchlerischen Moralstücks, mit welchem der zum Christentum konvertierte Schriftsteller das Kinopublikum missionieren will. „Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann, aber an Gott!“, verkündet Rose in einer frühen Szene des rührseligen Melodrams, als das Schmitt seinen gleichnamigen Bestseller adaptierte. Dass er sein Buch vorher hartnäckig als „unverfilmbar“ bezeichnete, war vermutlich ein taktischer Schachzug, um seiner leidigen Regiearbeit das Air des Meisterlichen zu geben. Weil die Bibel Versöhnung predigt, verzeiht Oskar pünktlich vor seinem Ableben seinen Eltern. Wofür bleibt unklar, denn das Bilderbuch-Paar ist so vollkommen, das es Oskar garantiert im Himmel wiedersieht. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, für „Oskar und die Dame in Rosa“ wie auch die Zuschauer. Im Kaminfeuerschein wird Oskar in den Schlaf gesungen, von dem man hofft, dass es der ewige sei. Doch der geistig Siebzigjährige muss biblische Hundert werden. Dann singt ein Kinderchor mit Engelsstimmen und Rose tröstet den geknickten Doktor: „Sie sind nur ein Mechaniker.“ Der Konstrukteur des Weltapparats ist Gott und den sieht die Lehrstunde in Bigotterie durch die rosa Brille. Als Gott würde er Leid verhindern, sagt Oskar beim Besuch einer Kirche. Das könne niemand, erwidert Rose mit Blick auf das Kruzifix: „Weder du, noch ich, noch er.“ Wenig später ermahnt Rose ihn paradoxer-weise „Sei zuversichtlich.“ Woher Zuversicht in einer hoffnungslosen Welt kommen sollte, verrät Rose nicht.
"Oskar und die Dame in Rosa" spekuliert auf die Wirkung eines sterbenden krebskranken Kindes. Außer der blaublütigen Peggy verspottet Oskar die Patienten mit verletzenden Spitznamen: der fettleibige „Popcorn“, der hydrozephalische „Einstein“ und der von Brandnarben entstellte „Bacon“ stellen Negativkontraste zum perfekten Oskar dar. Ein am Down-Syndrom leidendes Mädchen und die asiatische „Chinesin“ taugen höchstens für Kuss-Übungen. Glitzernde Schneeflocken rieseln auf Peggy Blue und Oskar nieder, bevor die Kinder im Traum weißgekleidet am funkelnden Nachthimmel tanzen. Gottes Wunder groß und klein schaut Oskar im Geiste. Hingerissen von der vorgeblichen Subtilität der selbstverfassten Vorlage erspart Schmitt sie auch dem Kinopublikum nicht. Pusteblumen fächern sich auf, ein Schwan setzt in Zeitlupe zum Flug an. Die an billige Werbetableaus erinnernden Bilder zerfließen in Kitsch wie auf einer heißen Pizza der Käse. Genauso schmierig ist der kalkulatorische Duktus, mit dem das rosa-glasierte Schmalz-Gericht serviert wird. Damit der Zuschauer begreift, dass er nun tief bewegt sein muss, beäugt Oskar alles mit staunenden Kinderaugen. Unter der adretten Oberfläche bleibt das weihnachtliche Moralmärchen so gefühlskalt wie Roses Schlusswort über Oskar: „Er hat mich so mit Liebe überladen, dass ich für den Rest meines Lebens genug davon habe.“ Wahre Worte.
La mort en rose.
Oskar: Amir
Rose: Michele Laroque
Doktor Dusseldorf: Max von Sydow
Oberschwester Gommette: Amira Casar
Oskars Mutter: Consatnce Dolle
Oskars Vater: Jerome Kirchner
Roses Mutter: Mylene Demengeo
Peggy Blue: Mathilde Goffart
Regie: Eric-Emmanuel Schmitt | Frankreich, Belgien, Kanada, 2009
Länge: 105 min | FSK: ab 6 | Buch: Eric-Emmanuel Schmitt | Kamera: Vierginie Saint-Martin | Szenenbild: Jean-Jaques Gernolle | Musik: Michel Legrand | Schnitt: PhilippeBourgeuil | Produktion: Philippe Godeau, Bruno Metzger, Olivier Rausin

