Oi! Warning
Handlung
Der 17-jährige Janosch türmt aus der beengten elterlichen Wohnung am idyllischen Bodensee. Sein Ziel: Dortmund. Seine Hoffnung: Dort auf sein Idol Koma zu treffen. Koma, ein Brachialkrawallo und Amateurboxer, ist mittlerweile bekennender Skinhead, stilsicher im Umgang mit „schlagenden Argumenten“. Sukzessiv und nach dem Bestehen verschiedener Männlichkeitsrituale entwickelt sich der verschlossene Janosch mit seinem schwäbischen Akzent und dem schüchternen Dackelblick zu einem respektablen Skin. Doch dann trifft er auf Zottel - einen sympathischen, vorurteilsfreien Punk, der in einem Bauwagen haust. Zwischen den beiden entwickelt sich eine fragile Beziehung. Analog löst sich Janosch immer weiter von Koma und seiner Clique, welcher sich jedoch seiner patriarchialen Allmachtsansprüche beraubt fühlt und sich in eine unkontrollierbare Eifersucht hinein steigert.
Es kommt zum Showdown, als Koma die beiden Dissidenten konfrontiert und Janosch seinen Punker-Freund Zottel verleugnet. Die Folge ist ein Amoklauf Komas, bei dem er Zottel bestialisch zu Tode bringt. Das reißt Janosch aus seiner Lethargie. Völlig außer sich und entsetzt von den Folgen seines Verrates, schlägt er mit einem Backstein auf Koma ein, dieser sackt daraufhin tot in sich zusammen. Hinter ihnen steht der Bauwagen in einer anschwellenden Feuersbrunst.
Meinung
Beklemmend unbequem! Das ist der Grundtenor der Produktion mit dem irreführenden Titel "Oi! Warning". Der deutsche Spielfilm wurde 2000 unter der Regie der Brüder Dominik und Benjamin Reding produziert und hatte zu dem Zeitpunkt ein Marathon um Fördergelder und Subventionsmittel hinter sich. Letztlich mit Erfolg. Der Plot der schwarz-weiß Produktion ist so schlicht wie dramatisch. Ein Punker sitzt in einer Kneipe an der Theke. Ein Fußballspiel läuft auf dem alten Fernseher und aus seiner konstant oppositionellen Haltung entspringt ihm die Idee, doch die gegnerische Mannschaft anzufeuern. Eine Laune die ihn sein Leben kosten soll. Zottel heißt dieser brutal zu Tode geprügelte Mensch. Und er stellt den Hauptantrieb für das Entstehen des Filmes "Oi! Warning" dar. So sagen es jedenfalls die Macher des außergewöhnlichen Streifens – Dominik und Benjamin Reding. Auch bei der überregionalen Präsentation der schweren Kost gab es Krawalle. Ganz vorne dabei waren vor allem junge, schlagwütige Extremisten aus den neuen Bundesländern. Eigentlich genau die, die der Film nicht unbedingt mobilisieren wollte. Als zentraler Stein des Anstoßes für die randalierenden Kinobesucher gilt ein ausladender Zungenkuss – das Prekäre bei der Angelegenheit; die sich küssenden Interpreten stellen einen Vollblutpunker und einen aalglatten Skin dar. Ein bittersüßer Affront gegen den in diesen Kreisen ausgeprägten Chauvinismus. Es war schwer für dieses Independent-Projekt in Schwarz-Weiß.
Eine Diskussion über die Gewalt zwischen Jugendlichen wollten die Brüder provozieren. Eine wahre und authentische Geschichte, eine bei der das Nachvollziehen möglich ist. Sonst, so Dominik Reding, könne man Filme zu diesem Thema vor lauter Heuchlerei doch gar nicht ertragen. Die Realität zwischen Jugendlichen, insbesondere in gesellschaftlichen Randgruppen, sei eine völlig andere, meint auch sein Bruder Benjamin. Und so haben sie es angepackt – die Redings, die selbst früher Teil dieser der Gesellschaft so entrückten Szene waren. Sie bieten Kontraste, einen derben Einblick in diese kaputte sowie völlig realitätsferne Jugend mit ihren Hoffnungen auf Teilnahme. Teilnahme an den emotionalen Gütern, die der gemeine Bürger so selbstverständlich zu haben scheint; Liebe, Anerkennung, Achtung, Integration. Natürlich auf ihre Weise, in Anarchie tosend. Wahrscheinlich ist der Streifen deshalb Schwarz-Weiß, er verschönt nichts, der ästhetische Anspruch des Filmes ist simultan der Anspruch der Szene an Schönheit: Vom Krafttraining glänzende Körper, kahl rasierte Köpfe, bis zum Hals zugeknöpfte Poloshirts – Insignien einer Splittergruppe. Rebellen? Helden? Diese Fragen lässt der Film offen, doch er zeigt auf eine sehr neue Art, wie zerbrechlich die so hart erscheinende Schale der „Nicht-Integrierbaren“ eigentlich ist. Und umso weiter die durchweg unterhaltsamen filmischen Geschehnisse ihren Lauf nehmen, kommt der Zuschauer nicht umhin sich zu Fragen: Wo sind sie, diese Jugendlichen? Wo ist diese Szene? Wie konnte sie sich so aus der Mitte der Gesellschaft entfernen? Und kann man sie wieder zurückholen, ihnen das geben, was sie eigentlich wollen? So manch CDU wählendes, treues Mitglied des Kreis-Schützenvereins würde bei dieser optischen Kost wohl froh sein, dass diese Szene dort ist, wo sie ist – weit entfernt von ihm. Doch die Redings haben erkannt, dass Kluften unüberwindbar werden können.
Harte Kost.
Janosch: Sascha Backhaus
Koma: Simon Goerts
Zottel: Jens Veith
Regie: Dominik Reding | Deutschland, 1999
Länge: 89 min | FSK: ab 12 | Buch: Dominik Reding, Benjamin Reding | Kamera: Axel Henschel | Szenenbild: Sandra Linde, Benjamin Reding | Schnitt: Dominik Reding, Margot Neubert-Marić | Produktion: Benjamin Reding, Dominik Reding

