Nothing Personal


Handlung

Jede Bindung ist eine Fessel, sei es an einen Ort oder einen Menschen. Anne hat sie alle durchtrennt. Für sie gibt es nur die Straße, an der sie entlang zieht, die Natur, in welcher sie ihr Zelt aufschlägt. Sitzt sie am Meeresufer, hält sie sich vor dem Wellenrauschen immer wieder die Ohren zu, als seien selbst Geräusche Eindringlinge in ihre innere Stille. Als es die junge Frau in Irland vor das Haus des Einsiedlers Martin verschlägt, gehen beide auf einen ungewöhnlichen Handel ein. Anne arbeitet für Verpflegung, ohne dass ihr von Martin persönliche Fragen gestellt werden dürfen. Im stillen Beisammensein bekommt die Isolation der beiden Einzelgänger langsam Risse.

Meinung

Die erste Einstellung zeigt Anne in einer leeren Wohnung. Nichteinmal durch die Art der Einrichtung erlaubt Regisseurin Urszula Antoniak dem Zuschauer auf die undurchsichtige Persönlichkeit zu schließen, welche sie in ihrem sensiblen Debütfilm ergründet. Nichts weiß man über die junge Frau, der man folgt - „Nichts Persönliches“. Annes Biografie bleibt leer wie die Räume. Ihren Ehering streift sie vor ihrem Aufbruch vom Finger. Er symbolisiert die letzte Fessel, welche sie an ihr altes Leben bindet. Ob Anne dieses Leben allein führte oder mit jemandem zusammen, bleibt unklar. Man lernt sie als die Frau kennen, welche Martin eines Tages vor seinem Haus sitzen sieht. Eine Vagabundin, eine Rastlose. Doch Anne ist kein Opfer, welches ins soziale Abseits geraten ist. Ihre Loslösung von der Gesellschaft hat sie selbst gewählt. Nur durch rigorose Absonderung von der menschlichen Gemeinschaft kann sie ihre Isolation aufrecht erhalten. „Kann man Ihnen helfen?“, fragte eine Frau, welche mit ihrem Mann und den Kindern auf einem Rastplatz isst, dessen Mülltonnen Anne nach Speiseresten durchwühlt. Nein, entgegnet Anne und fragt zurück: „Kann man Ihnen helfen?“ Zwischenmenschliche Nähe wirkt auf Anne erstickend. In der Gemeinschaft erkennt sie etwas, das ihr zutiefst zuwider ist. Ob diese Einstellung an ein bestimmtes Erlebnis gebunden ist, bleibt unklar. Vielleicht ist es dieses dunkle Etwas, vor dem Anne flieht, vielleicht ist es sie selbst. Hinter ihrer Kontaktscheu verbirgt sich auch die Furcht, sich durch das Zusammensein mit Anderen spüren zu müssen. In der ungewöhnlichen Beziehung zu Martin lernt sie eine andere Art der emotionalen Verbundenheit kennen.

Wie sie lebt Martin bewusst in Abgeschiedenheit. Er schlägt das Geschäft von Arbeit gegen Essen vor, bei dem keiner dem anderen Fragen stellen darf. Seine Zurückhaltung ermöglicht es Anne, selbst das Tempo und die Intensität ihres Kennenlernens zu bestimmen. Beide verwenden die Musik als Kommunikationsmittel. „I'm crazy for feeling so lonley.“, heißt es in einem Song, den Anne hört, als sie sich erstmals in Martins Haus geschlichen hat. Die Sehnsucht nach Einsamkeit verbindet die Charaktere schon bevor sie einander begegnen. „Any building tall with four walls around is a rubber room.“, singt Martin seiner Besucherin vor. Wie Anne assoziiert er Sesshaftigkeit mit Gefangenschaft.


Dennoch lebt er an sein Haus gebunden und überträgt diese Abhängigkeit indirekt auf Anne, indem er ihr das Haus vermacht. Für Anne, welche sich so hartnäckig gegen Bindungen sträubte, wird das Zerreißen einer solchen Bindung zur schmerzhaften Erfahrung. In ihrem komplexen Charakterporträt zeigt Antoniak die Kompromisse auf, welche die eigenen Bedürfnisse und die soziale Gemeinschaft jeden einzugehen zwingen. Am Ende scheint es Annes Wissen um den Schmerz, den der Verlust eines geliebten Menschen bedeutet, welches sie vor zwischenmenschlichem Kontakt zurückschrecken lässt. Erst durch Martin erfährt man, wie sie heißt. Bis dahin bleibt sie namenlos; „du“, wie Martin sie nennen soll. Für ihr eindringliches Spiel wurde die Hauptdarstellerin Lotte Verbeek in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.


Bis zuletzt bewahrt Anne sich ihre Distanz, die „Nothing Personal“ zwischen sich und dem Zuschauer zulässt. Wie Martin muss man sich an die scheue Frau heran tasten, um hinter deren Schroffheit zu dringen. Der spröde Charme der sanften und bitteren Romanze ist dieses Ringen wert.

Gemeinsamkeit in Einsamkeit.

von Lida Bach



Anne: Lotte Verbeek

Martin: Stephen Rea

Regie: Urszula Antoniak | Irland, Niederlande, 2009

Länge: 85 min | FSK: ab 12 | Buch: Urszula Antoniak | Kamera: Daniel Bouquet | Musik: Ethan Rose | Schnitt: Nathalie Alonso Casale | Produktion: Edwin van Meurs, Reinier Selen