Nostalgia de la Luz - Nostalgie des Lichts


Handlung

Ein Klicken in der Dunkelheit. Ein unerbittlicher Zeiger, der Sekunde um Sekunde davon tickt. Doch das Getriebe der gigantischen Maschinerie ist ein Teleskop. Mit der Präzision eines Metronoms fotografiert es den Himmel. Die Linsen der Teleskope, die im chilenischen Norden die Planeten beobachten, sind nicht die einzigen unermüdlichen Augen. Unter der brütenden Sonne der Atacama-Wüste kriechen Menschen über den heißen Sand. Menschen wie Victoria, die nach Spuren der Toten suchen, die unter dem Terrorregime Pinochets verschwunden sind. Patricio Guzmáns bildmächtiger Filmessay erzählt von der „Nostalgia de la Luz - Nostalgie des Lichts“, der Suchenden zwischen Staub und Sternen. Der elegische Dokumentarfilm fängt die „Nostalgia de la Luz“ in Bildern zwischen Erhabenenheit und Tragik ein.

Meinung

Zwei gewaltige Friedhöfe grenzen in der chilenischen Wüste aneinander, ein himmlischer und ein irdischer. Des Nachts erstrahlt ein Meer von Sternen über dem Horizont. Jeder von ihnen ist eine tote Sonne, die Schönheit der Lichter ist die des Todes. Der astronomische Blick ist der Vergangenheit zugewandt. Darin gleichen sie den Hinterbliebenen, die im Staub Überreste der Leichen zu finden hoffen, die hier in Massengräbern verscharrt wurden. Tag um Tag bewegen sich die Hinterbliebenen und Teleskope in den gleichen Zirkeln, auf der Suche nach etwas längst Erloschenem, Totem. Während den Wissenschaftlern die modernsten Mittel der Technik zur Verfügung stehen, scharren die Angehörigen meist ohne jede Hilfsmittel im Wüstensand. Winzig klein wirken sie, wenn sie sich in der endlosen Ödnis gen Horizont bewegen. Sterne an einem Staubhimmel. Die enormen Teleskope, die der Imagination eines Jules Verne entnommenen scheinen, lassen die Astronomen wie Zwerge erscheinen. Selbst sie können die Weite des Alls nicht umfassen. Das Individuum schrumpft vor der Unendlichkeit der Natur, ein Staubkorn im Kreislauf von Leben und Tod, Raum und Zeit.

„Nostalgia de la Luz - Nostalgie des Lichts“ ist keine gewöhnliche Dokumentation. Die Eindringlichkeit von Guzmáns Werk liegt nicht in dem Wissen, welches es vermittelt, sondern in der universellen Symbolkraft seiner Bilder. Im Forschungsdrang der Astronomen drückt sich das geistige Streben nach Erkenntnis aus. Die Totensuche der Überlebenden der Pinochet-Diktatur mahnt auf tragische Weise an die unsäglichen Grausamkeiten, zu denen Menschen fähig sind. Beide werden zueinander entgegengesetzten Sinnbildern. Die Erhabenheit des menschlichen Geistes und seine Verworfenheit, das Höchste und das Niedrigste treffen in der Wüste aufeinander. Landesgeschichte und persönliche Geschichten verknüpfen sich in den Biografien der Opfer und der um die Verschwundenen Trauernden miteinander.

Die gleitenden, fast schwelgerischen Landschaftsgemälde Guzmáns verleihen ihnen eine greifbar ethnografische und gefühlte metaphysische Ebene. „Diejenigen, die sich erinnern, sind in der Lage, in fragilen Momenten der Gegenwart zu leben.“ heißt es in einer Szene in „Nostalgia de la Luz“. „Diejenigen, die sich nicht erinnern, leben nirgendwo.“

Im Staub der Sterne.

von Lida Bach



Regie: Patricio Guzmán | Chile, Frankreich, Deutschland, 2010

Länge: 94 min | FSK: ab 6 | Buch: Patricio Guzmán | Kamera: Katell Dijan | Musik: J. Miguel Miranda, J. Miguel Tobar | Schnitt: Patricio Guzmán, Emmanuelle Joly