Moon


Handlung

Sam Bell lebt auf dem Mond. Seit drei Jahren arbeitet der Astronaut auf dem Erdtrabanten für den Großkonzern Lunar im Helium-3-Abbau. Helium-3 ist der Energielieferant der Zukunft: sauber, effizient, preiswert. Drei Wochen noch muss Sam auf das Auslaufen seines Arbeitsvertrags mit Lunar warten, einsam im Nichts des Weltalls, sein einziger Gesprächspartner der Computer „Gerty". Drei Jahre ist Sams Tochter Eve alt, die wiederzusehen er kaum erwarten kann. Während Sam sehnsüchtig von seiner Frau Tess träumt, beginnt er unter Halluzinationen zu leiden. Unerklärliche Kopfschmerzen und Unwohlsein lassen ihn schließlich einen Unfall erleiden. Nur leicht verletzt kommt Sam auf der Station wieder zu sich. Doch etwas hat sich verändert. Oder ist es er selbst?


Auf einem Außenkontrollgang gegen Anordnung des Konzerns findet Sam einen verwundeten Astronauten in seinem verunglückten Mondfahrzeug. Doch warum gleicht ihm der Andere aufs Haar? Und was meint Gerty, wenn er versichert, der Fremde sei Sam Bell?


Meinung

Nicht nur stilistisch ist das herausragende Kinodebüt des britischen Regisseurs Duncan Jones inspiriert von Genremeisterwerken wie „Solaris“ und „2001: A Space Odysee“. „Moon“ führt Science-Fiction zurück zu einer philosophischen Tiefe, welche in einer nostalgischen Vergangenheit verloren schien.


Eine Gestalt streckt in einem Traum Sams von seiner Vergangenheit die Hand nach ihm aus. Nicht bedrohlich, wie es in einem Science-Fiction-Schocker zu erwarten wäre, sondern warnend und sehnsüchtig. Die Gestalt ist Sam selbst, eines der zahlreichen Alter Egos, deren unsichtbare Gegenwart ein leises Grauen in „Moon“ trägt. Das Erscheinen einer Unbekannten, die Sam zwei Mal zu sehen glaubt, symbolisiert die Art dieses Grauens. Zuerst sitzt sie in seinem Stuhl, hat sinnbildlich seinen Platz eingenommen. Hier verkörpert sie den Doppelgänger, dem er in seinem Klon gegenübertritt. Beklemmend wie in „Der Student von Prag“ oder „William Wilson“ gestaltet Duncan die Konfrontation mit dem personifizierten Verdrängten, das nicht durch Fremdheit, sondern seine Vertrautheit unheimlich ist. Wie im Volksglauben und den klassischen Verarbeitungen des Themas kündigt das Treffen mit dem Doppelgänger den eigenen Tod an. Kunstvoll verknüpft „Moon“ das bekannte Motiv mit hintergründiger Systemkritik. Der Klon führt in doppelter Weise Sams Ersetzbarkeit vor Augen: Er selbst ist so auswechselbar wie seine Tätigkeit innerhalb des Konzerns. Der Wert des Individuums bemisst sich an seiner Arbeitskraft. Erlischt letzte, wird der Mensch überflüssig. Die Lebensdauer der Klone ist auf ihren Einsatzzeitraum bemessen. Gleich Drohnen existieren sie von der computergesteuerten Aktivierung bis zum qualvollen Verenden nur zur Arbeit.

Die Leistungsgesellschaft führt Nathan Parkers nach einer Idee des Regisseurs verfasstes Drehbuch zu einem perversen Extrem. Statt auf die vorgegaukelte Heimreise zur Erde führt der Kälteschlaf, in den die Arbeiter nach Vertragsablauf treten, in den Tod. Die beruhigende Arztstimme vom Monitor wird zum zynischen Kommentator: „Und wenn Sie beginnen, sich schläfrig zu fühlen, denken Sie an den großartigen Job, den Sie geleistet haben.“ Nur eine Staubwolke bleibt zurück, verschwindend gering wie Sam vor der alles verschlingenden Nacht des Weltraums. „Saubere“ Energie fabriziert der Konzern Lunar nur dank schmutziger Geheimnisse. Bis in das von Erinnerungsimplantaten bevölkerte Unterbewusstsein Sams dringt die Obrigkeit vor. Der Einzelne ist in „Moon“ im wahrsten Sinne Produkt des Systems. In Überzeugung ihrer schöpferischen Allmacht reden die Konzernvertreter nie mit, sondern nur über Sam. Nur der wenig anthropomorphe Roboter Gerty, dessen weiche Stimme nicht zufällig an HAL aus Kubricks „Space Odysee“ erinnert, spricht ihn an. Jedes Gesicht ist in „Moon“ menschlicher als das der Menschheit, selbst das eines primitiven Emoticons.


„In den letzten Jahren wurde den Filmemachern das Science-Fiction-Genre, besonders die philosophische Seite, einfach peinlich.“, beschreibt Duncan den Qualitätsverlust des Genres: „Sie sagten uns, es sei okay, über die coolen Effekte zu fachsimpeln oder sich für tolle Weltraumbilder zu begeistern, aber alles weitere sei auf keinen Fall ernst zu nehmen. Wir haben uns davon überzeugen lassen, das Science-Fiction nicht seriös ist.“ Sein Werk ist ein später Tribut an intelligenten Science-Fiction, dessen stiller Horror kein in außerirdischen Mächten personifizierter Schrecken, sondern metaphysischer Natur ist. Der mehrfach ausgezeichnete „Moon“ erlangte nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit der Genre-Blockbuster und wird wohl rasch von ihnen aus den Kinos verdrängt werden. Wenn sie vergessen sind, kreist „Moon“ weiter, ein leiser Trabant unter den Sternen des Genres.

Die dunkel Seite des Mondes.

von Lida Bach



Sam Bell: Sam Rockwell
Gerty (Sprecher): Kevin Spacey

Tess Bell: Dominique McElligott
Eve: Kaya Scodelario

Regie: Duncan Jones | Großbritannien, 2009

Länge: 97 min | FSK: ab 12 | Buch: Nathan Parker | Kamera: Gary Shaw | Szenenbild: Tom Noble | Musik: Clint Mansell | Schnitt: Nicolas Gastner | Produktion: Stuart Fenegan, Trudie Styler