Monsieur Verdoux - Der Frauenmörder von Paris


Handlung

Henri Verdoux, seines Zeichens Heiratsschwindler und mehrfacher Mörder, begibt sich auf die Suche nach reichen Witwen, die er ehelicht und schon bald zu ihren toten Ex-Gatten gesellt. So verdient der kleine charmante Mann sein Geld, um seine richtige Frau und sein Kind über die Runden zu bringen. Die Vielweiberei ist eine logistische Meisterleistung und ständig ist der Rosenkavalier unterwegs, von einer Frau zur nächsten, die alle nichts von ihren Nebenbuhlerinnen ahnen. Mit einem neuen Opfer an der Angel fängt aber sein Unglück an. Die Polizei ist ihm auf den Fersen und seine neue Gattin ist irgendwie nicht totzukriegen – nicht einmal mit Gift.


Schließlich fliegt Verdoux auf und landet vor Gericht, wo er für seine Taten zum Tod durch die Guillotine verurteilt wird.


Meinung

Chaplins schwarzhumorigster Film kam beim amerikanischen Publikum nicht an und wurde zu seinem größten Flop. Nicht nur, dass den Zuschauern die dunkle Prämisse des Films nicht gefiel, der Filmemacher hatte unter der McCarthy-Ära zu leiden und wurde politisch unmöglich gemacht. Als Kommunismussympathisant verschrien, wanderte er später in die Schweiz aus. Die wachsende Verbittertheit des einst von Allen geliebten Künstlers spürt man in „Monsieur Verdoux“. Die dunkle Thematik, der komplette Image-Wechsel – vom politisch korrekten Kindskopf zum gerissenen Mörder - und schließlich seine antikapitalistische Einstellung. Charlie Chaplin hat nach „Der große Diktator“ noch eine Schippe draufgelegt, aber ist sich und seiner Kunst treu geblieben.

Auch in seinem zweiten Sprechfilm sind viele Momente vom Stummfilm beeinflusst. In den sparsam eingesetzten Slapstick-Momenten, die überraschenderweise gut funktionieren und fast nie klamaukig wirken, lugt Chaplins Tramp hindurch. Wenn er versucht, eine seiner Gattinen – Martha Raye in einer herrlich überkandidelten Nebenrolle – zu ertränken, spielt Chaplin sein ganzes komisches (stummes) Schauspielpotential aus. Überhaupt liefert der Komiker in „Monsieur Verdoux“ eine seiner bemerkenswertesten schauspielerischen Leistungen und überzeugt gerade in den ernsten Szenen.

Ähnlich wie mit der Figur des kleinen jüdischen Frisörs in „Der große Diktator“ nutzt Charlie Chaplin mit Verdoux die Gelegenheit, am Ende des Films seine Philosophie an das Publikum weiterzugeben. Die hiesige Message ist allerdings moralisch nicht akzeptabel, auch wenn der Kerngedanke zutreffen mag: „Was sind schon ein paar Tote mehr, wenn im Krieg auf dem Schlachtfeld täglich mehrere Tausend sterben.“, fragt Verdoux am Ende des Films. Im Grunde ein herzensguter Mensch war Verdoux, nachdem er seinen Job verloren hat, nicht mehr in der Lage, seine Familie zu ernähren und musste deshalb seinen mörderischen Plan durchführen. Doch soll die wirtschaftliche Misslage wirklich die zahlreichen Morde erklären oder gar entschuldigen? In dem moralischen Dilemma liegt ein Problem. Dem Zuschauer wird auferlegt, mit einem Mörder zu sympathisieren, was Charlie Chaplin einem durch sein charmantes Schauspiel auch ziemlich leicht macht. Sein Heiratsschwindler ist überaus gewitzt – so, wie er die Damen um den Finger wickelt, macht er es auch mit den Zuschauern. Immer wieder sucht Verdoux den Kontakt mit dem Publikum, indem er in die Kamera schaut – uns anschaut. Sucht er Absolution für seine Taten?

Der dunkelste Film aus Chaplins Oeuvre, zu deren Idee Orson Welles beitrug, hat inhaltlich kleine Schwächen und ist mit 124 Minuten etwas zu lang geraten. Er ist aber unterhaltsam, zuweilen komisch und zeigt den kleinen Mann mit Bärtchen von einer anderen Seite. Allein für diese Komplettierung des Chaplin-Bildes hat er es verdient, angeschaut zu werden.

The darker side of Chaplin.

von Markus Wuttke



Henri Verdoux: Charles Chaplin
Mona Verdoux: Mady Corell

Annabella Bonheur: Martha Raye

Regie: Charles Chaplin | USA, 1947

Länge: 124 min | FSK: ab 12 | Buch: Charles Chaplin (Idee: Orson Welles) | Kamera: Roland Totheroh | Szenenbild: John Beckman | Schnitt: Willard Nico | Produktion: Charles Chaplin