Milarepa


Handlung

Vom Glück des im alten Tibet aufwachsenden Thöpaga und seiner Mutter ist nichts geblieben. Nach dem Tod des Vaters haben dessen Verwandte Thöpaga um sein Erbe betrogen. Als Dienstboten der unbarmherzigen Angehörigen leidet seine Familie bitterste Not. Angestachelt von seiner auf Rache sinnenden Mutter erlernt Thöpaga als junger Mann bei dem zauberkundigen Yongten Trogyal schwarze Magie, mittels derer er sich grausam an den Einwohnern seines Dorfes rächt, von denen niemand Mitleid mit seiner Familie hatte. Seine von Hass verblendete Mutter triumphiert, doch die Vergeltung bringt Thöpaga keine Genugtuung. Bekümmert über das Leid, das er verursacht hat, will er seinen seelischen Einklang durch Buße wiederfinden.


Er erkennt, dass Vergebung und Milde mächtiger sind als Stärke und Zorn. Der Weg spiritueller Läuterung lässt den von Zorn geleiteten jungen Mann zu Milarepa reifen, einem bis heute verehrten Weisen.


Meinung

„Wenn dieser Film nur einen einzigen Menschen dazu bringt, Anderen gegenüber mitfühlender, geduldiger und toleranter zu werden, dann bin ich mehr als glücklich.“, behauptet Neten Chokling. Bescheiden wie es sich für einen Rinpoche gehört, klingen die Worte des aus Bhutan stammenden Regisseurs und Co-Drehbuchautors. Rinpoche ist der tibetische Ehrentitel, den Neten Chokling inne hat, wie Presse- und Werbematerial von „Milarepa“ nicht müde werden, zu betonen. Hartnäckig darauf hinzuweisen, dass ein Filmemacher ein Würdenträger ist, klingt wenig nach buddhistischer Zurückhaltung und im Hinblick auf das filmische Werk verdächtig. Leider zu Recht. Der Weg zur Glückseligkeit der Zuschauer ist die ermüdende Legenden-Verfilmung gewiss nicht. Auf der cineastischen Weltkarte nimmt Bhutan verschwindend geringen Raum ein. Schon allein deshalb scheint es ungerecht, eine der raren Produktionen, die überhaupt den Weg in westliche Kinos schaffen, zu verreißen. Umso mehr, wenn das filmische Werk so offensichtlich gut gemeint und bemüht inszeniert ist wie „Milarepa - Der Weg zur Glückseligkeit“. Doch was Choklings Verdienste als Rinpoche auch sein mögen, filmkünstlerische Ehren kommen nicht hinzu. Anderen Regisseuren gelang mit geringeren Mitteln, woran „Milarepa“ scheitert. Eine universelle Botschaft vermittelt das Fantasy-Märchen nicht, eine tiefe menschliche Wahrheit hat das ungelenke Werk noch weniger zu verkünden.

Choklings Kinoadaption der bekannten tibetischen Legende von „Milarepa“, einem buddhistischen Lehrmeister, Weisen und Dichter, wirkt wie ein naives Moralmärchen, dessen miserable Effekte und plumpe Inszenierung peinlich statt Ehrfurcht erregend sind. Ein Dutzend Statisten müssen Menschenmassen verkörpern, in Großaufnahme gefilmte Kiesel prasseln als gewaltiger Steinschlag nieder und das Auftauchen des Magiers aus dem Nichts soll als spektakulärer Spezialeffekt bestaunt werden. Die Sequenzen des Plots sind so schematisch aneinandergereiht, wie es nur Kenner frühester Stummfilme je gesehen haben. Sucht man ein Gegenbeispiel für inszenatorische Raffinesse, eignet sich wohl kaum ein zeitgenössischer Film besser als „Milarepa – Der Weg zur Glückseligkeit“. Zum Trost Chonklings sei gesagt, dass seine hohe filmische Mission dennoch erfolgreich ist. Sein Fantasyfilm weckt Mitgefühl für die sich erfolglos mühenden Darsteller, Geduld angesichts seiner ermüdenden Langatmigkeit und Toleranz gegenüber aller guten Intentionen zum Trotz misslunger Filmproduktionen. „Aus buddhistischer Sicht ist dies das beste und wertvollste Geschenk, das wir der Welt machen können.“, glaubt Neten Chonkling. Das Kino wird er von solchen Geschenken zukünftig hoffentlich verschonen.

Filmische Geduldsprobe in intellektueller Genügsamkeit.

von Lida Bach



Thöphaga/ Milarepa: Jamyang Lodro
Mutter Kargyen: Kelsang Chukie Tethtong

Yongten Trogyal, der Magier: Orgyen Tobgyal

Regie: Neten Chokling | Bhutan, Indien, 2006

Länge: 90 min | FSK: ab 6 | Buch: Neten Chokling, Tenzing Choyan Gyari | Kamera: Paul Warren | Szenenbild: Orgyen Tobgyal | Musik: Joel Diamond | Schnitt: Suzy Elmiger | Produktion: Raymond Steiner