Mary & Max
Handlung
Kleine Torte statt vieler Worte. Statt mit ihrer 8-jährigen Tochter Mary zu reden, bäckt ihre Mutter lieber Kuchen und nippt dabei fleißig am guten Back-Sherry. Marys Vater stopft in seiner Freizeit in der Garage Tiere aus und arbeitet in einer Teebeutelfabrik am Fließband. Alle leben in einem winzigen Haus in einem gefühlt noch winzigeren australischen Kaff. Für den Nachbarsjungen Damien schwärmt Mary heimlich. Doch wie soll der sie mögen, bei dem hundedreckbraunen Muttermal auf ihrer Stirn? Menschen verwirren Max. Veränderungen verängstigen Max. Unbekannte Situationen verstören Max. Das Leben in New York des Jahres 1976 ist für den übergewichtigen Rentner eine tägliche Herausforderung. Schokolade tut Max gut, seinem Cholesterinspiegel weniger. Freunde haben Mary und er nicht. Bis Mary eines Tages ihre Fragen an die Welt in einen Brief schreibt, den sie an einen aus dem Telefonbuch gespickten Namen schickt: Max Jerry Hororwitz. Der Beginn einer außergewöhnlichen Brieffreundschaft.
Über die Jahre begreift Mary, dass ihr bester Freund Max an einer psychischen Erkrankung leidet, dem Asperger-Syndrom. Sie verfasst ein Buch darüber, doch als Max davon erfährt, fühlt er sich verraten. Mit dem M aus seiner Schreibmaschine will er Mary aus seinem Herzen reißen.
Meinung
Ganz aus Knete geschaffen, erinnern die Animationen in „Mary & Max“ an Wallace & Gromit oder die Filme Henry Selicks. Doch der Kinderfilm des australischen Regisseurs und Drehbuchautors Adam Elliot ist ein düsterer Kontrast zu den unbeschwerten Fantasien. Über dem bräunlichen Australien und der grauen Betonwüste New Yorks hängt die gleiche Tristesse, in der selbst die Tiere betrübt gucken und Pflanzen schneller welken. Die individuellen Farbcodes betonen die Distanz zwischen der achtjährigen Mary und dem jüdischen Rentner Max, die ausschließlich indirekt über ihre Briefe in Dialog treten. Gefühle klingen darin nur unterschwellig an. Ausgetauscht werden Schokoladenrezepte und kuriose Alltagsfragen. Sie sind Teil des Grotesken, das in Gestalt ausgestopfter Vögel und bei Regen schrumpfender Schafe überall in „Mary & Max“ lauert. Ohne die bizarre Komik wäre die Tragik unerträglich. Als Zerrbild einer perfekten Hausfrau steht Marys Mutter täglich in der Küche, wo sie mit Sherry neben Kuchen ihre Stimmung verfeinert. Depression hat Mary im Blut wie ihre Mutter Promille.
In einer beängstigenden Szene eines Films voller beunruhigender Szenen setzt die erwachsene Mary Mamas Backe-Backe-Kuchen-Spiel fort. Sie mit der Sherry-Flasche schwanken zu sehen, ist tragischer, als sie auf dem Stuhl schwanken zu sehen, auf den sie schließlich mit einem Strick um den Hals steigt. Selbst vor der am strengsten tabuisierten Facette des Kinderfilm-Tabuthemas Tod scheut „Mary & Max“ nicht zurück. Elliot schwelgt in ironischer Melodramatik und holt dadurch den Selbstmord auf den Boden der Realität zurück. Dort landet auch Mary und der Plot nimmt eine letzte Wendung, nicht in ein sentimentales Happy End, sondern eine Chance auf Hoffnung. Que sera, sera, wie die Filmmusik spielt.
2009 lief „Mary & Max“ auf der Berlinale in der Kinderfilmsektion Generations. Im Gespräch nach der Vorführung nannte Regisseur Elliot neben dem Stummfilm, dessen wortlose Ausdruckskraft das Szenenbild atmet, das Werk Tod Brownings als Inspirationsquelle. Brownings Kino des Bizarren, besonders dessen Meisterwerk „Freaks“ variiert Elliot zu seiner eigenen künstlerischen Groteske. Die süßliche und moralisierende Kinderfilmwelt von Disney und Spielberg lässt seine rabenschwarze Tragikkomödie weit hinter sich. Detailverliebt zeigt „Mary & Max“ Komisches im Schrecklichen, Schönes im Hässlichen, Fröhliches im Traurigen. Das traurig-wundervollste Detail ist, dass die Geschichte auf tatsächlichen Ereignissen basiert. Entgegen Kinderfilm-Konventionen enthält die wahre Begebenheit keine Moral. Nur ein paar kleine Wahrheiten über das Leben, deren passendeste der Schlusssatz liefert:
Gott gab uns Verwandte. Zum Glück können wir unsere Freunde selbst wählen.
Max: Philip Seymour Hoffman
Mary: Toni Collette
Erzähler: Barry Humphries
Damien: Eric Bana
Regie: Adam Elliot | USA, 2009
Länge: 92 min | FSK: ab 6 | Buch: Adam Elliot | Kamera: Gerald Thompson | Musik: Dale Cornelius | Schnitt: Bill Murphy | Produktion: Melanie Coombs

