Maos letzter Tänzer
Handlung
Li ist auserwählt. Der im bettelarmen ländlichen China aufgewachsene Junge wird Anfang der siebziger Jahre von Talentsuchern nach Peking geschickt. Auf einer Ballettakademie wird er mit anderen Kindern zum Profitänzer gedrillt. Dank eines einfühlsamen Lehrers erwacht auch in Li die Liebe zum Tanz. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten fallen dem amerika-nischen Impresario Ben Stevenson auf. Als Gasttänzer holt er Li in sein Ensemble nach Houston. „Maos letzter Tänzer“ erobert das Herz des amerikanischen Publikums im Sturm – und das seiner Ballettpartnerin Elizabeth. Als das kommunistische Regime eine Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung ablehnt, droht „Maos letzter Tänzer“ die Rückverfrachtung nach China – auch gegen seinen Willen.
Meinung
Für „Maos letzter Tänzer“ sind die Vereinigten Staaten nur einen Pas de Chat entfernt. Der filmische Gegenpart des realen Li Cunxin tanzt sich mit spielerischer Leichtigkeit in seine eigene West Side Story. In seinem opulenten Ballettdrama folgt der australische Regisseur Bruce Beresford mehr dem Schrittmuster des Melodrams denn dem von Cunxins dem Drehbuch zugrunde liegender Autobiografie. Die besten Geschichten schreibt womöglich das Leben. Für Drehbücher gilt dies noch lange nicht. Überfliegt man Li Cunxins Biografie, scheint sie für die große Leinwand geschaffen. Eine ergiebigere Voralge hätte sich Bruce Beresford kaum wünschen können – stünden nicht Jahrzehnte Tanzfilmgeschichte hinter ihm. Alle gängigen Klischees des Genres erfüllt „Maos letzter Tänzer“. Das Szenenbild des Houston der achtziger Jahre erinnert an „Saturday Night Fever“ und wie John Travoltas Tony reift Li charakterlich durch den Tanz. Im unermüdlichen Training erlernt er seine Fähigkeiten, bevor er, in Lis Worten, über die Bühne „fliegen“ kann. Die gleiche Erfahrung machen auch die austauschbaren Jugendlichen in „Center Stage“ oder „Fame“.
Im Gegensatz zu ihnen hat der von Parteifunktionären als Kind seiner Familie entrissene Li keine Wahl. Das psychologische Konfliktpotential übergeht Beresford. Der Einfluss des verständnisvollen Lehrers Chan übertrifft noch den doktrinären. „Maos letzter Tänzer“ stählt sich fortan nicht nur aus Parteigehorsam, sondern Passion. Ziel ist natürlich nicht, im stillen Kämmerlein zu pirouettieren, sondern große Auftritte, von deren Erfolg wie in „Flashdance“ und „Honey“ von mal zu mal mehr abhängt. Das westliche Ballett ist für den unter strenger Kunstzensur aufgewachsenen Li zu Beginn „Dirty Dancing“, verlockend und verrucht zugleich. Vereint in rhythmischer Harmonie schmiegen sich Körper und bald auch die Herzen von „Big Ballerina“ und „Big Ballerino“, wie Li und seine zukünftige Tanz- und Lebenspartnerin Lori einander nennen, aneinander. Das Konfliktpotential zwischen tiefstem Kommunismus und kapitalistischem Amerika wird in wenigen Sätzen notdürftig abgehandelt. Die Brüche in Cunxins Leben wie die hastige Heirat mit Elizabeth für eine Aufenthaltsgenehmigung nutzt Beresford keineswegs, um abgedroschene Genre-Klischees als solche zu enthüllen. Sein sentimentales Ende übertrumpft diese noch, wenn Eltern, Familie und Lieblingslehrer den verlorenen Landessohn bei einem Besuch in seinem Heimatdorf begrüßen. Zur Belohnung vollführen Li und Lori gratis einen Pas de Deux. Und darüber weht die rote Fahne.
Die Roten Schuhe unter roter Flagge.
Li Cunxin: Chi Cao
Li Cunxin (als Jugendlicher): Chengwu Guo
Ben Stevenson: Bruce Greenwood
Elizabeth Mackay: Amanda Schull
Charles Foster: Kyle MacLachlan
Niang: Joan Chen
Dilworth: Aden Young
Lori: Madeline Eastoe
Regie: Bruce Beresford | Australien, 2009
Länge: 117 min | FSK: ab 6 | Buch: Jan Sardi | Kamera: Peter James | Musik: Christopher Gordon | Schnitt: Mark Warner | Produktion: Jan Scott

