Mammuth
Handlung
Armes Schwein. Das ganze Leben im Dreck verbringen und am Ende? Ist alles Wurst. Das gilt für Mammuth wie für die Schweine, welche der Angestellte einer Schlächterei täglich zerlegt. Nach über 40 Arbeitsjahren wird im Betrieb Mammuths Pensionierung gefeiert. Doch mit dem häuslichen Alltag kommt der ungeschickte Kerl nicht zurecht. „Ein Tag pensioniert und es herrscht Anarchie.“, klagt seine Frau Christine. Rente wird Mammuth nur gezahlt, wenn er seine alten Gehaltsbescheide vorlegt. Die liegen bei den unterschiedlichen Arbeitgebern, für die er im Laufe seines Lebens tätig war. Auf seinem alten Motorrad, einer 'Mammuth', macht sich der eigenwillge Riese auf die Suche. Die alten Dokumente findet er nicht, dafür neue Freunde und seine verborgenen Erinnerungen an eine verlorene Geliebte. Der Weg ist das Ziel. Für Mammuth führt er in eine späte Freiheit voll skurriler Abenteuer.
Meinung
Es gibt diesen Punkt im Leben eines Mannes, an dem er sich auf den Weg machen muss, auf die Landstraße. Je nach Lebens- und Witterungsumständen steigt er auf ein Pferd, einen Rasenmäher oder ein Schneemobil und bricht auf. Das Aufbrechen ist auch ein Ausbrechen. Das wussten Frank Capra, David Lynch und das wissen auch Gustave Kervern und Benoit Delepine. Im Berlinale-Wettbewerbsbeitrag des französischen Regie-Duos ist es ein altes Motorrad der Kult-Marke Mammuth, auf welches sich der Titelcharakter nicht schwingt, sondern hievt. Der von Gerard Depardieu gespielte trägt als Spitznamen den seines Motorrads. Mammuth passt auf den schwergewichtigen, grobschlächtigen Vagabunden, der von seinen Mitmenschen nicht zu Unrecht für intellektuell minderbemittelt gehalten wird. Wie in ihrem letzten gemeinsamen Film „Jean-Michel“ stellen die Regisseure einen unscheinbaren Arbeiter in den Mittelpunkt. Mammuth ist ein Außenseiter, keiner, der sich bewusst von der Gesellschaft abgewandt hat, sondern sich nie in sie integrieren konnte. Die skurrilen Hauptfiguren in „Jean-Michel“ - eine ebenfalls von der bemerkenswerten Yolande Moreau gespielt – waren Antihelden. Mammuth ist ein Nicht-Held. Er verhält sich nicht schurkisch, sondern ermüdend gewöhnlich. Zugegeben, in der grotesken Komödie tut er gelegentlich ein paar ungewöhnliche Dinge: Sich in einem ausrangierten Swimmingpool auf See treiben lassen, ein angebliches Kunstwerk aus Schinkenscheiben basteln und schließlich in einem Mammut-Kostüm auf seiner Mammuth fahren. Für Dramatik reichen die mit unscharfer Handkamera gefilmten Szenen nicht.
Depardieu ist nicht unsympathisch, wie er bei der Pressekonferenz auf dem Podium sitzt und bis kurz vor Beginn Miss Ming mit ihrem Kopfhörern für die Simultanübersetzung behilflich ist. Doch seiner Filmfigur fehlt Depardieus grober Charme. Der Titelcharakter ist kein Beobachter, sondern ein zufällig Dabeistehender. Auf seiner Reise lernt er, die Augen für die Welt zu öffnen. Sein Dasein bestand aus routinierter Pflichterfüllung. Nie fehlte er auf Arbeit, nie war er krank oder auch nur schlecht gelaunt, fröhlich ebenso wenig. Dass er sein Leben versäumt hat, wird ihm erst bewusst, als die Routine endet. Zum dank für 44 Jahre schuften gibt es ein Puzzle. 2000 Teile, keiner soll sagen, der Chef schätze treue Angestellte nicht. Die ätzende Sozialkritik, welche das komödiantische Schaffen des Regie- und Autoren-Duos Kervern und Delepine auszeichnet, klingt in „Mammuth“ nur in vereinzelten Szenen an. Zur tragisch-komischen Groteske fehlt es an Humor und Dramatik. Dafür ist das Leben zu kurz, lehrt „Mammuth“. Beim nächsten Supermarktbesuch kann es einen erwischen. Wie der Kunde, den Mammuth findet, liegt man dann eiskalt neben gefrorenem Gemüse.
Miss Mings Versuche, auf der Pressekonferenz auswendig gelernte deutsche Sätze zu äußern, vermitteln das Humor-Niveau von „Mammuth“. Miss Mings erster unverständlicher Satz erntet Gelächter und Applaus, der zweite mitleidiges Lächeln, den dritten Satz quittiert ermüdetes Schweigen. Nach dem vierten wird geklatscht, nicht weil er lustig war, sondern weil jetzt endlich Schluss ist. Benoit und Delpine hingegen wollen nicht ohne Bären abziehen. Sie umklammern den Zierbären am Mikrofon. Kurz zuvor haben sie Grüße von Polanski verlesen, handgeschrieben angeblich: Er langweile sich in Graz und gucke die Winterolympiade. Sicher unterhaltsamer als „Mammuth“. Witzig sind Benoit und Kernvern. Nur dieses mal leider nicht im Kino.
Undramatisch.
Mammuth: Gerard Depardieu
Christine: Yolande Moreau
Verlorene Geliebte: Isabelle Adjani
Miss Ming: Miss Ming
Regie: Gustav Kervern | Frankreich, 2010
Länge: 90 min | FSK: ab 12 | Buch: Benoit Delepine, Gustave Kervern | Kamera: Hugues Poulain | Szenenbild: Paul Chapelle | Musik: Gaetan Roussel | Schnitt: Stephane Elmadjian | Produktion: Jean-Pierre Guerin

