Mammut
Handlung
Ein Luxusapartment in New York, familiäres Glück mit seiner attraktiven Frau Ellen, beruflichen Erfolg: Scheinbar besitzt der Webdesigner Leo alles. Doch als er in Thailand das Leben fernab der kühlen Businessswelt erkundet, beginnt er seinen Lebensweg zu hinterfragen. Während Leo auf Geschäftsreise ist, leidet die engagierte Ärztin Ellen unter der wachsenden Distanz zwischen ihr und ihrer Tochter Jackie, die lieber mit ihrem philippinischen Kindermädchen Gloria zusammen ist. Gloria wiederum vermisst ihre beiden Söhne, welche sie auf den Philippinen zurücklassen musste, um in den USA arbeiten zu können. Über den ineinander verschlungenen Schicksalen der Figuren braut sich ein Sturm zusammen, welcher ihr Leben für immer verändern wird.
Meinung
Hinter seiner geschickt konstruierten Fassade der Objektivität ist „Mammut“ eine Apologie des amerikanischen Imerialismus. Wirtschaftliche Ausbeutung rechtfertigt der schwedische Regisseur Lukas Moodysson in seinem über zwei stündigen Drama, indem er Opfer sucht, wo keine sind: Auf Seiten der Profiteure der Globalisierung. Dass dabei für deren eigentliche Opfer auch etwas Mitleid abfällt, wirkt angesichts der kaltherzigen filmischen Manipulativität herablassend. Das eigentliche Leid liegt in „Mammut“ bei der philippinischen Hausange-stellten Gloria und ihrer Familie. Durch dramaturgische Umgewichtung rückt Moodysson jedoch Leo und Ellen in den Fokus des Interesses. Bedeutungschwere Musik und in Close-up gefilmte schwermütige Blicke stilisieren das amerikanische Pärchen zu tragischen Helden. Wie sehr Moodyssson dabei auf den Konsens des Zuschauers baut, beweist seine unverhohlene Doppelmoral. Bei dem verzweifelten Versuch Geld zu verdienen, gerät Glorias Sohn in die Prostitution und wird beinahe umgebracht. Die Schuld sieht das Drama nicht bei dem pädophilen Freier, sondern bei der Mutter. Wo war sie, als der Sohn in die Fänge eines Perversen geriet, soll man empört fragen. Die Antwort liefert „Mammut“ gleich mit: im goldenen Westen in einem schicken Apartment. Dass Gloria dort nur als Dienstmädchen geduldet wird, mindert aus filmischer Sicht ihre Mitschuld nicht.
Mütter haben bei ihren Kinder zu sein. Die konservative Botschaft ist Moodysson so wichtig, dass er sie doppelt unterstreicht. Ellen wird für ihre Berufstätigkeit mit Entfremdung von ihrer Tochter bestraft. Dass auch Leo ein abwesendes Elternteil ist, macht hingegen nichts. Als Mann darf er ruhig auf Geschäftsreise nach Thailand fliegen und dort mit einer wesentlich jüngeren einheimischen Prostituierten schlafen. Sextourismus? Nein. So melancholisch blickt Gael Garcia Bernal als Leo nach der gemeinsamen Nacht, als sei er der Ausgebeutete. Statt seiner wird das Barmädchen Cookie als Initiatorin der Affäre dargestellt. Als Konkurrentin Ellens verkörpert sie das Stereotyp der exotischen Verführerin, welche den amerikanischen Ehemann auf Abwege lockt. Dort wartet kein Glück, erkennt Leo Gott sei dank rechtzeitig und reist heim in die USA. Nach ihm die Sintflut. Letzte kommt tatsächlich, was im Hinblick auf die subtile Negativicharakterisierung der asiatischen Figuren einer göttlichen Strafe gleichzukommen scheint.
Der die angestaubte Schwerfälligkeit der rührseligen Inszenierung vorwegnehmende Titel bezieht sich auf einen Füllfederhalter, den Leo geschenkt bekommt. Die tausende Dollar teure Rarität wird später in Thailand für ein Trinkgeld verscherbelt. Für die Einheimischen zählt nur Geld, scheint die unterschwellige Botschaft, Leo aber, dem der Luxusfüller gleichgültig ist, kennt wahre Werte. Die findet er mit Ellen und Jackie auf dem heimischen Sofa. Im Fernsehen könnten sie bald die Nachrichten von dem Tsunami sehen, der die Menschen auf der anderen Seite der Welt und des Wohlstands heimsucht. Die zynische Schlusspointe präsentiert „Mammut“ als denkbar abgeschmacktes Happy End. Von dem titelgebenden Schreibuntensiel ließe sich auch anderes herleiten: Mehr Kosten bedeuten nicht automatisch mehr Qualität. Renomierte Darsteller, elegante Bilder und teure Settings können die psychologische Inkohärenz und Pseudo-Sozialkritik des Films nicht kaschieren. Unter seinem kitschigen Bombast ist „Mammut“ eine banale Selbstrechtfertigung von erschreckender Gleichgültigkeit.
Filmischer Elefant im Porzellanladen.
Leo Vidales: Gael Garcia Bernal
Ellen Vidales: Michelle Williams
Gloria: Marife Necesito
Cookie: Run Srinikornchot
Jackie: Sophie Nyweide
Regie: Lukas Moodysson | Dänemark, Schweden, 2009
Länge: 125 min | FSK: ab 12 | Buch: Lukas Moodysson | Kamera: Marcel Zyskind | Szenenbild: Josefin Asberg | Musik: Jesper Kurlandsky, Erik Holmquist, Linus Gierta | Schnitt: Michal Leszczylowski | Produktion: Lars Jönsson

