Mahler auf der Couch


Handlung

„Wir sind in der Irre.“ Im Straßengewirr hat der Komponist Gustav Mahler ebenso den Überblick verloren wie in seinem Gefühlsleben. Sein Begleiter ist der Mann, der ihn in beidem den Weg weisen soll: Der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud, mit dessen Hilfe Mahler seine Ängste ergründen will. Den Komponisten plagt rasende Eifersucht, seit er von der Affäre seiner weit jüngeren Frau Alma mit dem Architekten Walter Gropius weiß. Die von Wiens Künstlerkreisen umschwärmte Alma kann sich nur schwer mit ihrem Leben als Hausfrau und Mutter an Mahlers Seite abfinden. Ihre Affäre wird zur Zerreißprobe für die Gefühle beider Eheleute. Freud kann die Ursachen für Mahlers Emotionen aufspüren – aber kann er dem Komponisten Seelenruhe verschaffen?

Meinung

"Was will das Weib eigentlich?“, fragt der reale Freud. Percy und Felix Adlon verwenden besagtes Zitat in ihrem ausufernden Psychodrama nicht. Denn das Regie- und Autorenduo glaubt anscheinend, es kenne die Antwort. Sich selbst in ihrem künstlerischen Schaffen zu verwirklichen, dies wird als nie erfülltes Streben Almas dargestellt. Die berühmte Wiener Gesellschaftsdame und Künstlergattin ist das eigentliche Zentrum der Handlung. Zwar werden Mahler und Freud als Hauptfiguren in das Filmgeschehen eingeführt, doch ihre Funktion gleicht der von Wegweisern durch die Leiden- und Liebschaften Almas. Der von Johannes Silberschneider als nervöses Musikgenie gespielte Mahler schrumpft an der Seite der Über-Muse Alma zum manischen Nervenbündel. „Mahler auf der Couch“ könnte Alma Mahler statt ihr Filmgatte sein. Auf das Möbelstück legt sich keine der Figuren, auch Freud darf nicht davor sitzen. Doch im Gegensatz zu ihm wird das prominente Sofa im Filmtitel genannt. Der Begründer der Psychoanalyse wird in der Rolle des bloßen Stichwortgebers für ausführlich bebilderte Seelenexzesse der Mahlers selbst zum Mobiliar degradiert. Die „Couch“ hingegen ist ein Symbol für die psychologische Tiefenanalyse, der die Regisseure sämtliche Charaktere und sich selbst obendrein unterziehen.

Für Percy und Felix Adlon lautet die zentrale Frage: Wen will das Weib eigentlich? Den väterlichen Komponisten Gustav Mahler, den jüngeren, aber weniger begabten Alexander von Zemlinsky, Architekt Walter Gropius, den akkurat vor der Leinwand stehenden anderen Gustav Klimt? Den Burgtheaterintendanten Max Burckhard gar? Sie alle dürfen wie im Laientheater, an welches der Film erinnert, kurz auf die Bühne stolpern und sich vorstellen. Name dropping war um die Jahrhundertwende offenbar große Mode – ein Trend, den die Adlons ungeniert fortsetzen. Der Analytiker und sein Patient schließlich lässig per 'Du', damit der Zuschauer sich tief vertraut mit ihnen fühle: „Gustl“ - „Sigi“. Die Lächerlichkeit führt schon vorher Regie. Da liegt der entblößte Mahler christusgleich in Almas Schoß, während Frau und Schwiegermutter ihm mit der Waschschüssel die letzte Ölung spenden. Das Wetter spiegelt unübersehbar die Stimmungen der Figuren. Wiederholt wird der Sturm als Sinnbild innerer Aufruhr beschworen, still ruht der See, wenn das Ehepaar trauert und das Dunkel seiner Seele erkundet Mahler bei Nacht. Dabei strahlt mitunter ein Scheinwerfer vom Filmset durch die Gardine. Solche Goofs degradieren das überzogene Melodram endgültig zum billigen Trash-Film. Der Mut zum Affront fehlt „Mahler auf der Couch“. Das skandalöse Gebaren ist aufgesetzt und wirkt durch die unglaubwürdigen Handlungsmotive harmlos bis drollig. „Das Unbewusste ist viel moralischer als es das Bewusste wahrhaben will.“, erkannte Freud. Nach fast zwei Therapiestunden mit „Mahler auf der Couch“ weiß es auch der Zuschauer.

Reif für die Therapie.

von Lida Bach



Gustav Mahler: Johannes Silberschneider
Sigmund Freud: Karl Markovics
Alma Mahler: Barbara Romaner

Walter Gropius: Friedrich Mücke
Alexander von Zemlinsky: Matthias Stein
Anna Moll: Eva Mattes

Regie: Percy Adlon | Österreich, Deutschland, 2010

Länge: 105 min | FSK: ab 12 | Buch: Percy Adlon, Felix Adlon | Kamera: Benedict Neuenfels | Szenenbild: Benedict Neuenfels | Schnitt: Jochen Künstler | Produktion: Eleonore Adlon, Burkhard Ernst, Konstantin Seitz