Mademoiselle Chambon


Handlung

Etwas aufbauen sei das Schöne an seiner Arbeit, erzählt der Maurer Jean in einer Projektstunde vor der Schulklasse von Mademoiselle Chambon. Privat hat er solch ein kleines Glück mit seiner Frau Anne Marie und dem Sohn Jeremy erreicht. Noch schöner aber findet er, etwas Neues zu errichten. Dieses Neue bringt Veronique Chambon, Jeremys junge Lehrerin, in Jeans Leben. Eine Liebe, wie beide sie zuvor nicht kannten, zieht die gebildete Violinistin und den verheirateten Arbeiter zueinander. Jean bessert ein Fenster in Veroniques Wohnung aus und erbittet als Dank, dass sie für ihn Geige spielt. Zärtlichkeiten tauschen beide nur symbolisch in Form der Musikstücke aus, die Veronique Jean leiht. Uneingestanden, ungelebt, wird ihre Liebe zur süßen Qual. Als Mademoiselle Chambon auf dem Geburtstag von Jeans greisem Vater spielt, wird die Sehnsucht in beiden unerträglich. Besitzen sie die Kraft, aus dem traurigen Liebeslied ein romantisches Duett zu machen?

Meinung

Eine stille Liebe zwischen einem Maurer und einer Lehrerin, die keine Erfüllung finden kann, davon handelt der Roman Eric Holders, auf dem das verhaltene Liebesdrama basiert. „Es ist nicht die Handlung, die mich fesselte, sondern die Art, in der Eric Holder die Gefühle übersetzt.“, umschreibt Stephane Brizé den Reiz der melancholischen Romanze. Mit feinem Gespür für die psychologischen Nuancen der Charaktere übersetzt er Holders Buch in eine zartbittere Studie über die Ambivalenz des Gefühls. Ein gemeinsames Glück mit Veronique kann es für Jean nicht geben, paradoxerweise, weil er sein Glück schon gefunden hat. Dass „Mademoiselle Chambon“ im Filmtitel und im gemeinsamen Gespräch stets „Mademoiselle Chambon“ bleibt, nie Veronique werden darf, vermittelt die Distanz zwischen den Liebenden. Zu früh oder zu spät sind sich Veronique und Jean begegnet, diese Erfahrung lässt beide anders auf ihr Leben blicken.


Wie die Königskinder können sie nicht zueinander kommen, das wissen sie schon, bevor sie sich ihre Zuneigung eingestehen. Unüberwindbar liegt die Kluft von Jeans erfülltem Leben zwischen ihnen. Mit ihrer Liebe wächst auch die Gewissheit, dass ein Überschreiten dieser Grenze unmöglich ist. Ein Verhältnis mit der Lehrerin seines Sohnes hieße für Jean, sein bisheriges Familienleben zu verlieren.


Dass er Veronique dann nicht weiter lieben könnte, spürt sie noch mehr als er. Während Jean unsicher im Umgang mit seinem Emotionen ist, steht Veronique durch die Musik unmittelbar mit ihnen in Kontakt. Ihr Geigenspiel öffnet auch dem verschlossenen Maurer den Blick in sein Herz. Spielt Veronique ihm zum ersten Mal ein Stück vor, wird mit der klassischen Melodie die unterdrückte Liebe zum Leitthema des Films. Neben Brizés inszenatorischer Zurückhaltung ist es dem konzentrierten Spiel Vincent Lindons und Sandrine Kiberlains zu verdanken, dass das Lied von Liebe und Schmerz nie in plumpe Gefühlsduselei abdriftet. Dass Lindon und Kiberlain jenseits der Leinwand ein Paar waren, dass beide sich trennten, entging der französischen Filmpresse nicht. Doch Brizé Kalkulation bei der Besetzung der Hauptrollen vorzuwerfen, scheint verfehlt. Zu zärtlich klingt die traurige Melancholie der „Mademoiselle Chambon“.

Traurige Melodie des Gefühls.

von Lida Bach



Jean: Vincent Lindon
Veronique Chambon: Sandrine Kiberlain
Anne Marie: Aure Atika

Jeremy: Arthur Le Houerou
Vater: Jean-Marc Thibault
Schuldirektorin: Michele Goddet

Regie: Stephane Brizé | Frankreich, 2009

Länge: 101 min | FSK: ab 6 | Buch: Stephane Brize, Florence Vignon | Kamera: Antoine Heberle | Szenenbild: Valerie Saradjian | Musik: Ange Ghinozzi | Schnitt: Anne Klotz | Produktion: Milena Poylo, Gilles Sacuto