M – Eine Stadt sucht einen Mörder


Handlung

Seit Wochen kommt die namenlose Großstadt nicht zur Ruhe: Ein Kindermörder geht um, mehrere Mädchen sind ihm schon zum Opfer gefallen, zuletzt die kleine Elsie Beckmann. Inspektor Lohmann von der Mordkommission steht vor einem Rätsel, die Eltern leben in ständiger Angst. Paranoia und Verdächtigungen sind an der Tagesordnung, die Bevölkerung ist angespannt, die Stimmung aufgeheizt. Auch den Vertretern der Unterwelt ist der Kindermörder ein Dorn im Auge. Auch sie kommen seit Wochen nicht zur Ruhe, denn die Polizei vermutet den Täter in ihren Reihen und führt regelmäßige Razzien durch. Um dieses Ärgernis aus der Welt zu schaffen, beschließen die Kriminellen, den Täter auf eigene Faust zu fassen. Sie rekrutieren die örtlichen Bettler und Vagabunden für ihre Zwecke und überziehen die Stadt mit einem Netz aus Informanten.


Schließlich erkennt ein blinder Luftballonverkäufer den Mörder an seinem unverwechselbaren Pfeifen. Durch ein weißes Kreide-M auf der Schulter gebrandmarkt, wird er von den Bettlern durch die Stadt gejagt, kann sich jedoch in einem Bürogebäude verstecken. Bei einem nächtlichen Einbruch gelingt es der Verbrecherbande, den Mörder zu stellen; in einer Fabrikhalle soll ihm von den Unterweltbossen der Prozess gemacht werden. Bevor das zu erwartende Todesurteil verkündet wird, hält der Gefangene ein flammendes Plädoyer, in dem er beteuert, man könne ihn für seine Taten nicht zur Verantwortung ziehen, da er unzurechnungsfähig sei. Kurz bevor die aufgebrachte Menge über ihn herfällt, trifft die Polizei ein und nimmt den Täter in ihren Gewahrsam. Er wird in einem ordentlichen Prozess – vermutlich – zum Tode verurteilt. Doch eine der trauernden Mütter weiß: „Das macht unsere Kinder auch nicht mehr lebendig.“


Meinung

Nach über zehn Jahren im Filmgeschäft war Fritz Lang mit „M“ in der Realität angekommen. Nichts in diesem Werk erinnert an die monumentalen Science-Fiction-Welten von „Metropolis“ und „Frau im Mond“; die philosophische Allegorik aus „Der müde Tod“ scheint in weite Ferne gerückt. Übermenschliche Helden, wie Siegfried aus Langs Nibelungen-Saga, sucht man ebenso vergeblich wie übermenschliche Schurken vom Format eines Dr. Mabuse. Die Neue Sachlichkeit hat auch im Film Einzug gehalten. Ein Motiv scheint sich jedoch nach wie vor als roter Faden durch das Œuvre des Regisseurs zu ziehen: Es geht um den Wahnsinn, diesmal allerdings in seiner unscheinbarsten Gestalt.

Langs „M“ lagen die realen Fälle der Massenmörder Dieter Kürten und Fritz Haarmann zugrunde, die in den 1920er Jahren die Republik in Angst und Schrecken versetzt hatten. Das schaurige Kinderlied aus der ersten Szene, "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt der schwarze Mann zu dir. Mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Schabefleisch aus dir", zitiert einen Reim, der damals über Haarmann kursierte. Wie bei den meisten seiner frühen deutschen Werke schrieb der Regisseur das Drehbuch gemeinsam mit seiner Frau Thea von Harbou.

Einen nicht unwesentlichen Anteil am Gelingen des Films hat die hervorragende Besetzung. Gustav Gründgens, in dessen Rolle mancher eine Karikatur des späteren Propagandaministers Joseph Goebbels zu erkennen glaubt, gibt den autoritären Unterweltboss im Trenchcoat. Otto Wernicke als Inspektor Lohmann bereichert das düstere Sujet um einige humorvolle Momente; und wer Theo Lingen bisher nur als zerstreuten Schuldirektor kannte, wird überrascht sein, ihn hier einen waschechten Gangster verkörpern zu sehen. Doch über allen thront der großartige Peter Lorre, der mit seiner Verkörperung des feisten Ungeheuers Beckert den Grundstein einer internationalen Karriere legte und einen neuen Typus Bösewicht erschuf.


Am Ende des Films steht sein großer Auftritt. Nach heutigen Maßstäben over-acted, natürlich. Aber den Effekt, den er mit weit aufgerissen Augen und schmerzhaft schrillem Gekreische erzielt, vermag wohl niemand zu leugnen. Die Nachricht, die uns dieser Wahnsinnige aus seiner Welt überbringt, ist heute so aktuell wie damals. Noch immer werden in Deutschland rund 50.000 Kinder jährlich entführt, und nicht nur aus rechtsextremen Kreisen lässt sich regelmäßig die Forderung nach einer Todesstrafe für Kinderschänder vernehmen. Lorres Monolog erinnert uns auf unangenehme Weise an die Abgründe der menschlichen Psyche.


Doch man würde einem Film wie „M“ nicht gerecht werden, wenn man ihn auf schauspielerische Leistungen und ein geistreiches Drehbuch reduzierte, denn auch unter ästhetischen Gesichtspunkten ist er äußerst bemerkenswert und sein Einfluss kaum zu überschätzen. Mit seinem geschickten Einsatz von Spiegelungen und Schatten erweist sich der ungewöhnliche Großstadtfilm als Vorläufer des klassischen Film noir und lehrte so manchen Hollywood-Produzenten das Staunen. Unvergessen die Szene, in der die kleine Elsie im Schatten des Mörders ihren Ball gegen eine Litfaßsäule wirft, auf der ein Fahndungsplakat prangt. Wenig später sieht man den selben Ball hinter einer Hecke hervorrollen; Elsies Luftballon, das verlockende Geschenk ihres Entführers, verfängt sich in einer Telegraphenleitung. Subtiler und einprägsamer wurde das Grauen selten in Szene gesetzt.

An raffinierten Ideen, innovativen filmsprachlichen Gestaltungsmitteln und liebevollen Details herrscht in diesem Film wahrlich kein Mangel. Seine Bedeutung übersteigt den visuellen Bereich jedoch bei Weitem: „M“ war einer der ersten deutschen Tonfilme – eine Herausforderung, die Fritz Lang glänzend zu meistern verstand. Hatte der bedeutende Filmwissenschaftler Siegfried Kracauer Anfang der 1930er Jahre noch bemängelt, der Film sei durch die Einführung des Tons eher schlechter, da banaler geworden, zeigte Lang mit „M“ eindrucksvoll die Möglichkeiten des neuen Mediums auf, indem er dem Ton, trotz des Verzichts auf Filmmusik, an mehreren Stellen eine tragende Rolle zugestand: Die bangen Schreie der verzweifelten Mutter zu Einstellungen des verwaisten Treppenhauses gehen unter die Haut und erzeugen ein Gefühl des Schreckens, das sich durch Bilder allein nur schwer vermitteln ließe. Später definiert Lang das musikalische Leitmotiv neu, indem er den Kindermörder schon aus dem Off durch eine Melodie – Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ – ankündigt, die dieser vor sich hin pfeift. Beinahe noch beeindruckender ist jedoch, wie Fritz Lang die Stille inszeniert. Seine Großstadt, bei der es sich freilich um eine Studiokulisse handelt, wirkt von Zeit zu Zeit wie ausgestorben. Lautlos fahren die Polizeiwagen zu einer Razzia vor – es ist die Ruhe vor dem Sturm. Man könnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, so absolut ist die Stille – und unweigerlich hält man den Atem an.

Fritz Langs unvergessliches Werk zählt nicht zu jenen Filme, deren Legende größer ist, als sie selbst. It lives up to its legend, und zwar in jeder Beziehung. „M“ ist ein packender Psychothriller, eine intelligente Charakterstudie, ein ästhetisches Juwel und nicht zuletzt ein Zeitdokument, das uns einen Einblick in die Verfasstheit einer angeschlagenen Gesellschaft verschafft, die am Abgrund stand, ohne es zu wissen.

„M“ wie „Meisterwerk“, „M“ wie „Meilenstein“, „M“ wie „Must See“!

von Andreas Thum



Fritz Beckert: Peter Lorre
Inspektor Karl Lohmann: Otto Wernicke

Der Schränker: Gustav Gründgens

Regie: Fritz Lang | Deutschland, 1931

Länge: 117 min | FSK: ab 12 | Buch: Thea von Harbou, Fritz Lang | Kamera: Fritz Arno Wagner | Szenenbild: Emil Hasler, Karl Vollbrecht | Schnitt: Paul Falkenberg | Produktion: Nero-Film AG