Lügen und Geheimnisse


Handlung

Nach dem Tod ihrer Adoptivmutter beschließt die farbige Optikerin Hortense nach ihrer leiblichen Mutter zu suchen. In ihrer Geburtsurkunde entdeckt Hortense die Angabe, dass ihre Mutter eine „Weiße“ sei. Trotz des Schocks nimmt sie Kontakt zu Cynthia Rose Purley auf. Doch Cynthia ist zunächst nicht erfreut über den Anruf. Die Fabrikarbeiterin Cynthia lebt mit ihrer mürrischen, bei der Straßenreinigung arbeitenden Tochter Roxanne in einem kleinen Reihenhaus am Stadtrand Londons. Roxanne ist mit ihren 20 Jahren bereits desillusioniert und scheint für ihre Mutter nichts als Verachtung übrig zu haben. Cynthias einziger Verwandter ist ihr Bruder Maurice, zu dem sie jedoch fast keinen Kontakt hat. Maurice arbeitet als gut verdienender Fotograf in seinem eigenen Studio und wohnt mit seiner Frau Monica in einem großen Einfamilienhaus. Doch auch zwischen ihm und seiner Frau scheint es Spannungen zu geben. Hinzu kommt die mangelnde Sympathie zwischen Monica und Cynthia, weshalb der Kontakt zwischen Maurice und seiner Schwester schon vor langer Zeit eingeschlafen ist, obwohl diese ihn nach dem Tod ihrer Mutter praktisch alleine aufgezogen hatte. Maurice fühlt sich zwischen seinen beiden Familien hin und her gerissen und nimmt den überraschenden Vorschlag seiner Frau freudig auf, eine Feier anlässlich des 21. Geburtstags von Roxanne zu geben. Ohne etwas von dieser verwirrenden Familiensituation zu wissen, freut sich Hortense darüber, als Cynthia schließlich doch in ein Treffen einwilligt. Hortense erfährt, dass Cynthia sie im Alter von 15 Jahren zur Welt brachte und außer Maurice niemand von ihrer Existenz weiß. Trotz der gesellschaftlichen Distanz der beiden freunden sie sich an und Cynthia blüht zusehends auf. Aus einem Impuls heraus lädt sie Hortense zu der Geburtstagsfeier Roxannes ein und stellt sie als eine Arbeitskollegin vor. Doch schnell wird die Party durch die Offenbarung zahlreicher Lügen und Geheimnisse zum Fiasko.

Meinung

Der renommierte britische Regisseur Mike Leigh bleibt mit der 1996 erschienenen Produktion „Lügen und Geheimnisse“ seinem Credo, dem Zuschauer realitätsnahe, authentische Handlungen zu präsentieren, treu. Wie auch in „Life is sweet“ oder auch „Nackt“, die fast schon schockierend zu nennende Darstellung eines Straßenphilosophen, zeichnet Leigh die Charaktere und ihre Umgebungen in „Lügen und Geheimnisse“ ohne Retuschierungen. Man könnte meinen, es mit den Nachbarn zwei Häuser weiter zu tun zu haben, über deren Leben man gerne hinter vorgehaltener Hand tuschelt.

Mike Leigh legte in seiner Filmlaufbahn großen Wert darauf, sich von den Massenproduktionen Hollywoods hervorzuheben. In einem Interview gab er unverblümt zu: "Wenn ich die Wahl hätte, nach Hollywood zu gehen oder mir Stahlnägel in die Augen zu stechen, würde ich die Stahl-nägel bevorzugen." Wie auch sein Kollege Ken Loach mit unter anderem „Ladybird, Ladybird“ ist Leigh tief im sozialen Realismus verankert. Doch das Markenzeichen beider ist ebenfalls der immer vorhandene Humor in ihren Filmen. Sicher ist dieser britische Humor nicht für jeden verständlich, verdeutlicht jedoch die Ironien des wirklichen Lebens. Denn hat nicht jeder von uns schon einmal in der sprichwörtlichen „Scheiße“ gesessen?

Zu Anfang scheinen die Figuren in Leighs Filmen ein mehr oder weniger glückliches Leben zu führen. Je tiefer man sich in deren Welt begibt, desto deutlicher werden die Probleme. So auch in „Lügen und Geheimnisse“. „Lügen und Geheimnisse“, sagt Leigh, „handelt von Herkunft und Identität, von dem ewigen Wandel der Vorstellungen, die wir von uns selbst und den Anderen haben, und von unserem zwanghaften Bestätigungsbedürfnis, wer und was wir sind und woher wir kommen.“ Trotz der Überlänge gelingt es Mike Leigh, den Zuschauer die gesamte Handlung hindurch zu fesseln. Zum Einen ist dies der Leistung des Kameramanns Dick Pope zuzuschrei-ben. Neben dem völligen Fehlen der Schuss-/Gegenschuss-Technik wird die ruhige Atmos-phäre des Films noch durch zahlreiche Großaufnahmen und lange Einstellungen unterstrichen. Zum Anderen wird der Film durch seine Figuren getragen.

Die Intensität, mit der die Charaktere dargestellt werden, ist, mal wieder, als herausragend zu bezeichnen. Brenda Blethyn überzeugt von Kopf bis Fuß als vom Leben enttäuschte Cynthia. Ihr nerviges, in den Ohren nachklingendes „Schätzchen“ lässt den Zuschauer keine Sekunde daran zweifeln, dass diese Frau aus dem englischen Arbeitermilieu stammen muss. Vollkommen zurecht erhielt Brenda Blethyn für diese Leistung mehrere Auszeichnungen, darunter den Golden Globe Award als Beste Darstellerin. Timothy Spall, bereits bekannt als schrulliger Restaurantbesitzer aus „Life is sweet“, beweist seine unglaubliche Wandelbarkeit. Als Maurice verkörpert er den bodenständigen und herzensguten Ehemann, welchen Gewissensbisse gegenüber seiner vernachlässigten Schwester und Nichte plagen, perfekt.

„Lügen und Geheimnisse“ zieht den Zuschauer bis in die letzte Einstellung in seinen Bann. Ein absolutes Meisterwerk einer britischen Milieustudie, die in jede noch so kleine Hausvideothek hineingehört.

Ergreifende Gesellschaftsdarstellung.

von Moana Flamme



Hortense: Marianne Jean-Baptiste
Cynthia Rose Purley: Brenda Blethyn
Maurice Purley: Timothy Spall

Monica Purley: Phyllis Logan
Roxanne Purley: Claire Rushbrooke

Regie: Mike Leigh | Großbritannien, 1996

Länge: 136 min | FSK: ab 12 | Buch: Mike Leigh | Kamera: Dick Pope | Szenenbild: Alison Chitty | Schnitt: Jon Gregory | Musik: Andrew Dickson | Produktion: Simon Channing-Williams