London Nights
Handlung
Axl kann sich nicht erinnern. Nicht an seinen Vater, der ihn als Kleinkind zurück ließ, nicht an die letzte Nacht, die er wieder in einer anderen Wohnung verbrachte. In London sucht der junge Spanier seinen Vater und findet andere rastlosen junge Menschen. Vera ist aus Belgien nach England gekommen, um eine unerfüllte Liebe zu vergessen und womöglich eine neue zu finden. Doch der nachdenkliche Fremde, der sich Röntgen-Mann nennt, und Vera haben einander versprochen, nur Zärtlichkeiten, nie aber Namen und Persönliches auszutauschen. Die Drei tauchen ein in den endlosen Sog aus Musik, Alkohol und Vergessen der „London Nights“. Eines Nachts treffen sie in der chaotischen Wohngemeinschaft des von einer ernüchternden Begegnung mit der eigenen Angst belasteten Mike aufeinander.
Meinung
„Ich denke, es ist okay, ein Buch im falschen Regal stehen zu haben. Es gibt Leuten Gelegenheit, etwas Unerwartetes zu entdecken.“, sagt die in einem Buchladen arbeitende Vera. Wie seine Filmgestalt über Bücher scheint Regisseur und Drehbuchautor Alexis Dos Santos über Filme zu denken. Zwischen Drama, Musikfilm und Romanze wandelt seine Episodengeschichte ziellos umher wie die Figuren durch die „London Nights“. Diese weißen Nächte und das Flair der Großstadt sind das eigentliche Zentrum der Handlung. Menschen dienen nur als schmückendes Beiwerk. Während die Modellschönheiten in New York und L.A. leben, bevölkern London ebenso ungreifbare Musiker-Kopien. Axl erinnert an einen heruntergekommenen Adam Green, Vera an die junge Vanessa Paradis. Jugendlich, multikulturell und in schönem Verfall lockt das Szenario, in dem vier junge Erwachsene aus unterschiedlichen Ländern sich herumtreiben und treiben lassen. Alle auf der Suche, wobei das Gesuchte nur Symbol ist für das unerfüllte Verlangen, das die Charaktere treibt. Für die Nachtschwärmer liegt das Gefundene in der Suche. Der Weg ist das Ziel, anders formuliert. Jeder Mensch sei für ihn wie ein Planet, sagt Vera über ihren Partner. Zwei Planeten könnten nie einer werden. Every man´s an island. Nicht solche umformulierten Zitate ärgern, sondern das Alexis Dos Santos die bekannten Sinnsprüche als seine philosophischen Neuerkenntnisse ausgibt.
„Hässlich auf nette Art.“ sind die Protagonsiten, wenn sie in einem der „Unmade Beds“ des Originaltitels erwachen. Im Film bezieht sich der Satz auf ausgedientes Mobiliar. Überflüssig, aber es hat was. Ähnlich entfaltet sich auch der ungelenke Charme von „London Nights“. Über allem liegt das verlockende Halbdunkel der Szene-Kneipen und nächtlichen Straßen. Nichts gewinnt scharfe Konturen, auch nicht die Motive und Ziele der Protagonisten. Liebe wird freundschaftlich geteilt, zu zweit oder mehreren. Verlangen bleibt so vage wie Unzufriedenheit und eine traurige Miene ist chic. „Ich frage mich, wie lange wir so weitermachen können, ohne irgendetwas voneinander zu wissen.“, fragt einer der Charaktere. Bis zum Schluss lautet die unausgesprochene filmische Antwort. Droht die dünne Handlung sich gänzlich aufzulösen, wird ein Song eingespielt. Hörbarer Independent-Rock mit einer Spur Grunge. Die Konflikte der Figuren bleiben daneben bedeutungslos oder lösen sich von selbst. Mehr als einem Kinofilm gleicht „London Nights“ einem Musikvideo, wie es in einer Filmsequenz tatsächlich gedreht wird. Ein böses Erwachen aus den durchzechten Nächten gibt es nie. „Unmade Beds“ sind doch eigentlich schön, entdeckt Axl. Besser als „perfectly orderly, organized, normal“ wie sein vermeintlicher Vater. Für den Plot soll das gleiche gelten: besser wirr als konventionell. Doch ohne Dramatik, Figuren und Gefühl fehlt die Dramatik. Aber wie es auf der Leinwand dazu heißt: „Sorry. Das ist ´n guter Song. Vergiss es.“
Nachtgestalten in den Straßen London.
Axl: Fernando Tielve
Vera: Deborah Francois
Röntgen-Mann: Michiel Huisman
Mike: Iddo Goldberg
Anthony: Richard Lintern
Regie: Alexis Dos Santos | Großbritannien, 2009
Länge: 93 min | FSK: ab 12 | Buch: Alexis Dos Santos | Kamera: Roger Bowles | Szenenbild: Jane Levick, Steve Blundell | Musik: (We Are) Performance, Plaster of Paris, Connan Mockasin, Michiel Huisman | Schnitt: Olivier Bugge Coutté | Produktion: Soledad Gatti-Pascual, Peter Ettedgul

