Life is sweet
Handlung
Das Leben von Wendy, Andy und ihren Zwillingstöchtern Nicola und Natalie spielt sich nicht unbedingt auf der rosigen Seite des Lebens ab. Sie leben in einem bescheidenen und renovierungsbedürftigen Häuschen in London. Wendy überdeckt die familiären und finanziellen Sorgen mit einer überdrehten Fröhlichkeit und nimmt die unterschiedlichsten Jobs an, um etwas Geld hinzu zuverdienen. Andy arbeitet als Küchenchef, gibt die Hoffnung jedoch nicht auf, mit Neuerrungenschaften wie einem vergammelten Imbisswagen das große Geld zu machen. Nicola und Natalie sind grundverschieden. Während die bodenständige Nat ihr Geld mit Handwerkerarbeiten verdient und sich auf eine Reise in die USA vorbereitet, kommt Nicola mit ihrem Leben nicht zurecht. Arbeitslos und bulimisch kompensiert sie ihre innere Leere mit gefühllosem Sex. Auch der befreundete Aubrey hofft mit der Eröffnung eines „exklusiven“ französischen Restaurants zu Geld und Ruhm zu gelangen.
Doch die Gäste bei Aubreys exzentrischer Geschäftsidee bleiben aus und auch Andys Träume zerbrechen, als er sich bei der Arbeit ein Bein bricht. Nicola und ihre Mutter können ihre Differenzen für einen Moment überwinden und gelangen zu einer Aussprache. Aber am Ende bleibt die unausgesprochene Erkenntnis, dass irgendwie immer alles beim Alten bleibt.
Meinung
„Das Leben ist komisch und tragisch, es ist tiefgründig und lächerlich, es ist traurig und fröhlich – so ist es einfach“ gab der britische Filmregisseur Mike Leigh gegenüber den Medien auf dem Filmfestival in Cannes bekannt. Mit diesen Worten beschreibt Leigh treffend, welcher ebenso als Film- und Theaterregisseur wie auch als Drehbuchautor und Schauspieler arbeitet, „Life is sweet“ aus dem Jahr 1991. Im Laufe seiner Karriere hat Mike Leigh nicht nur bei mehr als zehn Filmen Regie geführt, sondern auch 22 Bühnenstücke verfasst, wobei ihm das Theater als zu “flüchtig“ erscheint und er sich deshalb dem Film zugewandt hat. Mike Leigh sieht es als seine Aufgabe, den Menschen mit seinen Produktionen einen Spiegel vorzuhalten. Dabei hat alles seine Licht- und Schattenseiten. Jede Tragödie hat ihren Witz und jede Komödie eine ernste Ebene.
So ist es auch bei „Life is sweet“, der typischen vielleicht etwas überzogen dargestellten britischen Mittelklassefamilie. Der Grundton der Handlung scheint stetig dahinzuplätschern, die Geschichte beginnt unspektakulär mit den alltäglichen Aufgaben und Vorkommnissen in einer Arbeiterfamilie. Der gesamte Film wird in diesem fast schon eintönigen Eindruck noch unterstrichen, indem die Musik von Rachel Portman in Schleife gespielt wird, welche als erste Frau den Oscar für die beste Filmmusik bei „Emma“ gewonnen hat. Doch inmitten der humoristischen, selbstironisch dargestellten Figuren schält sich nach und nach die Tragödie hervor, welche sich in dem Leben jedes Menschen zu verbergen scheint.
Der Zuschauer ist als Gast ein stiller Beobachter des zuerst normal erscheinenden Familienalltags. Auf eine unaufdringliche, schleichende Art, wie sie nur das Leben selber vollführen kann, offenbaren sich die Probleme der einzelnen Personen. Wie zufällig werden die sexuellen Eskapaden Nicolas enthüllt, ihre nächtlichen Fressanfälle und das skurille Privatleben Aubreys. Am Ende bleibt ein Hoffnungsschimmer auf Veränderung, jedoch ohne zu große Versprechungen zu machen.
Die Vorgehensweise Mike Leighs mit seinen Schauspielern zu arbeiten, ist so simpel wie wirkungsvoll. Wochen- oder monatelang lässt er sie zusammenkommen und die grobe Handlung des Skripts immer und immer wieder improvisieren. Wenn er den Augenblick für gekommen hält, holt er die Kamera hervor und beginnt mit den Aufnahmen, unter den selben Bedingungen wie bei den Improvisationen. So entsteht in seinen Filmen diese ungezwungene, aus dem Alltag gegriffene Atmosphäre: Eine wunderbare, rührende Familiengeschichte die ohne Anstrengungen mit ähnlichen amerikanischen Produktionen wie „American Beauty“ mithalten kann, wenn nicht sogar durch ihren Realitätssinn überflügelt.
Tragik im Kleinen.
Wendy: Alison Steadman
Andy: Jim Broadbent
Nicola: Jane Horrocks
Natalie: Claire Skinner
Aubrey: Timothy Spall
Regie: Mike Leigh | Großbritannien, 1991
Länge: 99 min | FSK: ab 12 | Buch: Mike Leigh | Kamera: Dick Pope | Szenenbild: Sophie Becher | Schnitt: Jon Gregory | Musik: Rachel Portman | Produktion: Simon Channing-Williams

