Licht im Winter
Handlung
Seit dem Tod seine Frau vor vier Jahren scheint für Pastor Tomas Ericsson das Leben und vor allem die Liebe sinnlos geworden zu sein. Selbst bei seinen Predigten in der kleinen schwedischen Stadt Mittsund fällt es ihm schwer, an seine eigenen Worte zu Gott zu glauben. Bisher hat er diese Gefühle jedoch erfolgreich verdrängt. An einem Wintersonntag wird Tomas Ericcson nicht nur mit seinem eigenen Glauben an Gott konfrontiert. Nach dem Gottesdienst sucht Karin Persson den Pastor in der Sakristei auf mit der Bitte, ihrem Mann zu helfen. Der Fischer Jonas hegt seit längerem Selbstmordgedanken und Tomas stimmt, geschwächt von Fieber und Husten, widerwillig zu, sich mit Jonas zu unterhalten. Während Tomas auf diesen in der Sakristei wartet, erscheint die Aushilfslehrerin Märta. Nach einer längeren Affäre mit Tomas versucht Märta diesen mit großer Fürsorglich- und Zärtlichkeit zurück zu gewinnen. In einem Brief offenbart sie ihm ihre Gedanken zu ihrem bis dato nicht vorhandenen Glauben und ihrer tiefen Liebe zu Tomas. Dieser hat sich Märta gegenüber in der Vergangenheit kalt und abweisend verhalten und scheint ihre Gefühle eher widerstrebend über sich ergehen zu lassen. Bei dem Gespräch mit Jonas Persson kann Tomas seine Verwirrtheit über seinen Glauben und seine Gefühle nicht mehr unterdrücken. Anstatt dem depressiven Fischer zu helfen, stürzt der Pastor Jonas mit seinen Zweifeln an Gottes Existenz in noch tiefere Verwirrtheit. Fast fluchtartig und zutiefst erschüttert verlässt Jonas Persson die Sakristei.
Als Tomas und Märta, welche in der Kirche gewartet hat, kurz darauf mitgeteilt wird, dass Jonas Persson sich mit einem Gewehr erschossen hat, fällt Tomas Glaube an Gott vollständig auseinander. Desillusioniert offenbart Tomas Märta, dass er nur noch Abscheu und Ekel für sie empfindet. Doch trotz dieser Erkenntnisse muss Tomas Ericsson feststellen, dass das Leben um ihn herum sich nicht verändert. Er bleibt in dem selben Trott, in den selben Zweifeln gefangen.
Meinung
Ingmar Bergman erschuf mit „Licht im Winter“ den zweiten Teil der sogenannten „Glaubens-Trilogie“, wozu auch „Wie in einem Spiegel“ von 1960/61 und „Das Schweigen“ von 1963 gehören. Der Originaltitel „Nattivardsgästerna“ bedeutet soviel wie „Die Abendmahlgäste“, was vom deutschen Titel bedeutend abweicht. Mit dem irreführenden Titel „Licht im Winter“ wird dem deutschen Zuschauer eine Hoffnung vorgegaukelt, welche der Film nicht beinhaltet. Der Regisseur Ingmar Bergman wird auch als der letzte Protestant in den Kinos bezeichnet. Sein ganzes Leben hat er sich mit der Frage nach Gott und der Theologie auseinander-gesetzt. Aber vor allem beschäftigte sich Bergman in diesem Zusammenhang mit der Existenz der Liebe. Warum hat sie soviel Macht über den Menschen? Zerstört sie nicht viel mehr als das sie gibt? In „Lächeln einer Sommernacht“ von 1955 heißt es: „Wir wünschen uns die Liebe, rufen, bitten, schreien nach ihr, glauben sie zu besitzen, lügen sie herbei, aber wir haben sie nicht.“
Auch in „Licht im Winter“ geht es um diese beiden existentialistischen Fragen: die nach dem Glauben und der Liebe. Schon die einleitenden Worte der in Schwarz-Weiß gedrehten Geschichte lassen in dem Zuschauer ein Gefühl von Leere und Kälte aufsteigen. „Es ist zwölf Uhr mittags an einem Sonntag Ende November. Es dämmert über der Ebene, und vom Moorgebiet im Osten bringt der Wind raue Feuchtigkeit mit.“ Wie schon der Kritiker Hauke Lange-Fuchs feststellte, ist „Licht im Winter“ vor allem ein einzig langer Dialog bzw. Monolog über die Frage nach Gottes Existenz, in welchem die Charaktere ausschließlich dafür da sind, die Gedanken des Regisseurs zu diesem Thema auf die Leinwand zu bringen. Bergmans Figuren vermitteln dem Zuschauer eine fast greifbare Trostlosigkeit und das Gefühl absoluter Einsamkeit. Pastor Tomas Ericsson ist von der ersten Einstellung an mit einer nicht enden wollenden Traurigkeit erfüllt. Interessant ist, dass die Grippe, welche ihn den gesamten Film über begleitet, umso stärker zu werden scheint, desto weiter sich Tomas von seinem Glauben entfernt. Die von der Kirche gepredigte Strafe Gottes? Märta wiederum, welche sich, wie sie in ihrem Brief berichtet, nie mit dem Glauben an Gott auseinander-gesetzt hatte, findet allmählich einen Zugang zu diesem in der Liebe zu Tomas.
Wie im Laufe der Handlung zu Tage tritt, wird genau diese Liebe nicht erwidert, was wiederum auf die zweifelhafte Existenz eines Gottes hindeutet. Jonas Persson ist nicht nur vom Glauben an Gott, sondern von jeglichem Lebenswillen verlassen. Als Ausschlag für die Depression nimmt Bergman einen Zeitungsartikel über die Chinesen und die Debatte über einen Atombombenangriff.
Die vielen Nah- und Großaufnahmen der Gesichter und das Fehlen von Musik tragen zu der beklemmenden Stimmung bei. Auch wenn viele Kritiker zu Anfang den eigenwilligen Stil von Bergman in „Licht im Winter“, nämlich den Film bzw. die Bilder an sich in den Hintergrund zu stellen und sich ausschließlich dem theologischen Gedanken zu widmen, mit Zurückhaltung aufnahmen, so wurde dem Film in späteren Jahren doch das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen. Die Kirche bezeichnete Bergmans Film als „ein eminent unbequemes Werk, das zum (theologischen) Gespräch reichlich Anlass gibt“. Zweifellos ist es ein unbequemes Werk vor dem Hintergrund des Glaubens an die christliche Vollkommenheit. Aber für all jene, die diese seit Jahrhunderten regierende „Obrigkeit“ hinterfragen, stellt „Licht im Winter“ ein Pflichtwerk dar, das nicht in der Filmsammlung fehlen sollte.
Kritiker des Glaubens tretet vor!
Tomas Ericsson: Gunnar Björnstrand
Karin Persson: Gunnel Lindblom
Jonas Persson: Max von Sydow
Märta Lundberg: Ingrid Thulin
Regie: Ingmar Bergman | Schweden, 1962
Länge: 78 min | FSK: ab 16 | Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Sven Nykvist | Szenenbild: P.A. Lundgren | Schnitt: Ulla Ryghe | Produktion: Allan Ekelund

