Leningrad - Der Mann, der singt
Handlung
Man liebt sie oder hasst sie. Das sei das Besondere, erklärt ein junger Russe. Er selbst liebe sie, obwohl ihre Musik „beim ersten Anhören abstoßend klingt.“ Die Rede ist von „Leningrad“, die 1997 von Sergej Shnurov gegründete Band. „Was alle schlecht finden, finden wir gut.“, erklärt der von seinen Freunden Shnur genannte Sänger Shnurov über die durch die abgelegte Bezeichnung Sankt Petersburgs inspirierte Namensfindung. Was alle schlecht finden, ist das Hauptthema von Leningrads Songs. Die nicht nur in Russland eklatante Kluft zwischen Superreichen und Armen, Alkoholismus und Frustration prägen die Texte Leningrads. Mit ihrer rauen Mischung aus Ska, Punk und Hardcore gelangten sie als einzige Vertreter des russischen Undergrounds in die Charts. In persönlichen Interviews und Konzertaufnahmen geht Peter Rippels Dokumentarfilm „Leningrad“ dem Reiz der titelgebenden Band nach.
Meinung
Bekannt ist die elfköpfige Band hierzulande hauptsächlich durch Vladimir Kaminers „Russendisco“. Aufrichtigkeit hören die Fans in den Texten der Band: Du hattest Glück, du hast ´nen Bürojob. Die arrogante Ziege in der Bank hat mir keinen Kredit gegeben. Leningrad thematisieren die ungeschönte Realität im modernen Russalnd in einer „ganz einfach verständlichen Sprache“, so eine jugendliche Anhängerin: „Eine Sparche, die jeder Säufer versteht.“ Mat heißt dieser russische Slang. Wegen seiner Drastik verpönt und dennoch in aller Munde. Seine Respektlosigkeit gegenüber Kunstzensur und Establishment machten Shnurov zum enfant terrible, dem sogar Moskaus Bürgermeister Luschkow den Konzertauftritt verbot. Die von Leningrad ausgehende Faszination scheint teils darauf zu basieren, dass sie bewusst als Negativklischee des russischen Unterschichtsbürgers auftreten: Eines saufenden Nichtstuers, der Armut und Elend mit Lebensmut trotzt. „Auch wenn du tief in der Scheiße stehst, musst du noch über diese Scheiße lachen können.“, sagt Shnurov, der in einer Szene singt: „Wir brauchen ein paar Schnäpse, um wenigstens ungefähr die Note zu treffen.“ Ehrlichkeit, auch wenn´s weh tut. Diese Gabe besitzt Sergej Shnurov: „Eigentlich machen wir keine Musik. Was wir machen, ist eine Performance mit Hilfe von Instrumenten.“ Seine eigene Stimme bleibt die einzige relativierende in Rippels etwas zu wohlgesonnenem Werk.
Überfüllt wirkt das im Film gezeigte Londonder Konzert der Band nicht, auch wenn die anwesenden Besucher begeistert sind. Der internationale Bekanntheitsgrad der Musiker scheint gering, nicht zuletzt, weil Rippels Reportage ihn geflissentlich verschweigt. Maßgeblich für Leningrads Erfolg sind ihre Texte. Entgegen den Gepflogenheiten der kommerzorientierten Musikbranche bleiben sie ihrer Muttersprache treu. Verstehen die Londoner Konzertbesucher überhaupt, wovon Leningrad singen? Ohne Russischkenntnisse tut man es nicht. Die wenigen untertitelten Songtexte klingen weder originell noch schockieren. In einem besingen Leningrad die Zuschauer laut Übersetzung erst als Wichser, dann als Lutscher. Ist letztes jetzt eine zensierte Form von Schwanzlutscher, ein Übersetzungsversuch des englischen „sucker“ oder bezeichnet Shnur seine Fans tatsächlich als Lollis? Der Film „Leningrad“ führt den Ruhm der Band vor, ohne ihm auf den Grund gehen zu wollen. Von Shnurovs Nacktauftritten hört und sieht man nichts. Genauso wenig davon, dass er in betrunkenem Zustand eine Auszeichnung verlor und der im Film angespielte Song „Gefunden“ die musikalische Antwort auf einen Popsong mit dem Titel „Gesucht“ ist. Obwohl man die mitreißende Kraft der Konzertauftritte spührt und der Rebellionsgestus der Musiker zwar chaotisch, jedoch authentisch erscheint, krankt „Leningrad – Der Mann, der singt“ an seiner Unausgereiftheit.
2008 gab Shnurov die Auflösung der Band bekannt. Warum und wie es heute um die einstigen Mitglieder steht, bleibt unklar. So erscheint Rippels Dokumentarfilm der Zeit hinterherzuhinken. Zuletzt steht Shnurov vor selbtsgemalten Bildern, von denen er eines lachend anspuckt. Als Kunstfälscher war er schon vor seiner Musikkarriere tätig. Das amüsante Detail verschweigt Rippels Dokumetarfilm, wie auch die Antwort auf die Frage, ob Leningrad nun “geniale Poesie“ produzieren oder eher ein auf Skandalwirkung kalkulierendes Erfolgskonzept. Nur das alle ein paar Songs kennen, selbst die, die sie nicht mögen, kommt nun der Wahrheit näher.
Kinder von Leningrad in der Russendisco.
Regie: Peter Rippl | Deutschland, 2008
Länge: 82 min | FSK: ab 12 | Buch: Peter Rippl | Kamera: Roland Bertram, Sergej Jermolenko, Peter Rippl, Ingvar Arnswald, Robert Metsch | Musik: Sergej Shnurov & Leningrad | Schnitt: Peter Rippl | Produktion: Marina Ejwadis, Jeanna Koschanova

